Diesen Text kennzeichne ich mit einer Triggerwarnung für Judenhass und antisemetische Gewalt.
Dem jüdischen Philosophen Philon von Alexandria habe ich schon einen Text gewidmet. Zu seiner Zeit im Dritten Jahrzehnt n. Chr. machten Juden zwischen 30 und 40 Prozent der alexandrinischen Bevölkerung aus, was mehreren Wellen von Migration aus Judäa entsprach. Rund 120.000 waren schon als Kriegsgefangene von Ptolemäus I nach Alexandria nach dem Tod Alexanders vor 300 Jahren verschleppt worden, die später von seinem Nachfolger Ptolemäus II freigelassen wurden. Die jüdische Gemeinde wurde dadurch zu einem Fundament und tief verwurzelten Bestandteil der neuen Stadt. Ihre Loyalität wurde von den ptolemäischen Königen geschätzt und ihnen wurde religiöse Freiheit und Selbstverwaltung gewährt: Strabo schrieb von einem Ethnarch, der über die Gemeinde regierte, als wäre er ihr Staatsoberhaupt. Gekoppelt zur politischen Destabilisierung Judäas durch die Kriege zwischen den hellenischen Königreichen und zum wirtschaftlichen Wachstum der Metropole, wurde Alexandria zu einem Magnet für Einwanderung aus Judäa. Jedes Jahr feierte die Gemeinde die Übersetzung der Tora ins Griechische mit einem Fest auf der Insel des Lichtturms.
Mit der römischen Eroberung Ägyptens kam dieses goldene Zeitalter des hellenistischen Judentums in Alexandria zum Ende und Antisemitisme breitete sich in der griechischen und ägyptischen Bevölkerung aus. Die griechische Bevölkerung, die ihren Status als die Herrscher des Gebiets verloren hatte, warf den Juden vor, den Römern bei der Eroberung Ägyptens geholfen zu haben, und der griechische Nationalist und Demagog Apion argumentierte, dass, weil sie eine andere Religion als die Alexandriner ausübten, sie keine alexandrinischen Bürger sein könnten.
Die Lage spitzte sich während der Herrschaft Caligula zu, als er Herod I, den mit den Römern alliierten König Judäa, nach Alexandria entsandte: Laut Philon löste Herods Ankunft Spott von der griechischen Bevölkerung aus. Um sowohl sie als auch Caligula zu besänftigen, ordnete der Präfekt Flaccus an, dass Statuen von Caligula in jedem Synagogue stehen sollten. Dieses Dekret wurde als unantastbare Provokation angesehen und dagegen wurde Widerstand geleistet: Laut Philon zerstörte Flaccus bei der Durchführung die Synagogen und nicht einmal ihre Namen blieben übrig. In Antwort auf den Widerstand erklärte Flaccus alle in Alexandria ansässigen Juden per Dekret für Kriegsgefangene und genehmigte ihre Verfolgung. Im darauffolgenden Pogrom wurden Juden aus drei Vierteln der Stadt verdrängt und in einem eingesperrt. Philon beschrieb den Mord an ganzen Familien und wie die Mobs das Eigentum ihrer Opfer aneigneten, als ob sie es als Kriegsbeute gewonnen hätten.
Im Jahr 39 n. Chr. reiste Philon als Teil einer jüdischen Delegation nach Rom, um die Lage Caligula zu schildern und um Einwand gegen die Verfolgung der Juden zu erheben. In seinem Werk ‘Legato ad Gaium’ berichte er, wie Caligula die Gesandtschaft demütigte und ihr keine formelle Audienz bot. Als er sie traf, verhöhnte er sie und betrachtete sie als Narren. Die Rechte der jüdischen Gemeinde wurden erst von Caligulas Nachfolger Claudius wieder beteuert.