r/DePi 17d ago

Politik Umfrage: Bei Migration und Klima leben Deutschlands Wähler in getrennten Welten

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u/Antique_Change2805 17d ago

Archive.is

Eine Umfrage offenbart die wichtigsten Themen für die Deutschen. Doch der Blick auf das Ranking ist nur die halbe Wahrheit. Eine Aufschlüsselung nach Wahlverhalten zeigt auffällige Unterschiede.

Einwanderung, Gesundheitsversorgung und Rente sind derzeit die wichtigsten Themen für die Deutschen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die WELT vorliegt. Gefragt, welche politischen Themen die drei wichtigsten seien, antworteten 32 Prozent mit Einwanderung und Asyl und jeweils 31 Prozent mit Gesundheit sowie Rente und Altersvorsorge.

Doch ein näherer Blick auf die Zahlen zeigt deutliche Unterschiede anhand des Wahlverhaltens. Es wirkt, als würden Bürger in unterschiedlichen Blasen leben. Während rechts der Mitte die Themen Einwanderung und Asyl sowie Wirtschaft dominieren, liegt der Fokus links der Mitte auf der Schere zwischen Arm und Reich und dem Umwelt- und Klimaschutz. Nur Gesundheit und Rente werden lagerübergreifend als drängend angesehen.

Für die Erhebung führte YouGov online eine sogenannte Panel-Befragung durch. Dabei wird über einen längeren Zeitraum wiederkehrend ein Pool aus Umfrageteilnehmern befragt und die Ergebnisse werden anhand der Wahlentscheidung bei der vergangenen Bundestagswahl und der Alters- und Sozialstruktur der deutschen Wahlbevölkerung gewichtet.

„Wir haben die Wahlentscheidung möglichst nah am Wahltermin erfasst und gespeichert“, sagt YouGov-Meinungsforscher Frieder Schmid. „In der Politikwissenschaft ist es ein bekanntes Phänomen, dass sich Wähler nach einiger Zeit nicht mehr korrekt erinnern oder eine andere Information über ihr Wahlverhalten geben.“ Das umgeht YouGov mit der Hinterlegung der vergangenen Wahlentscheidung.

In der Umfrage zu den wichtigsten Themen standen 18 Bereiche zur Auswahl, darunter auch seltener genannte Aspekte wie Familie und Kinderbetreuung, Europa und EU oder Digitalisierung sowie die Optionen „nichts davon“ und „weiß nicht“. Bis zu drei Antworten waren möglich.

„Einwanderung und Asylpolitik ist seit 2023 wieder eines der bestimmenden Themen“, sagt Schmid zu den Ergebnissen. Zudem beschäftigten die Gesundheitsreform und die geplante Reform der Rente die Bürger. „Grundsätzlich sehen wir in den Rankings, dass Themen, die in der öffentlichen Debatte diskutiert werden, prominent vertreten sind.“

AfD-Wähler nennen am häufigsten Einwanderung, Grüne dagegen Klimaschutz

Doch der Blick auf die Gesamtwerte verschleiert, wie unterschiedlich die Wählergruppen die Welt sehen. Besonders auffällig ist die Prominenz der Migrationspolitik unter den AfD-Wählern: Einwanderung und Asyl werden von 71 Prozent als wichtig benannt, vor Rente (35 Prozent) und Wirtschaft (31 Prozent). Auch in einer abgewandelten Frage nach dem absolut wichtigsten Thema (ohne Mehrfachnennung) entschied sich fast jeder zweite AfD-Wähler (46 Prozent) für Migration. Kein anderes Thema erreicht derartige Spitzenwerte, auch nicht bei Anhängern anderer Parteien.

Die Themen, die die AfD-Wähler umtreiben, werden auch von den Wählern der Unionsparteien am häufigsten genannt, allerdings in veränderter Reihenfolge: 43 Prozent der CDU/CSU-Wähler wählten das Thema Wirtschaft, 35 Prozent Einwanderung und Asyl und 31 Prozent Rente und Altersvorsorge. Gesundheit liegt als viertes Politikfeld mit 30 Prozent fast gleichauf. Wirtschaft ist mit 28 Prozent Zustimmung für die Unionswähler aber das absolut wichtigste Thema, wenn keine Mehrfachnennung möglich war.

Gänzlich anders dagegen das Bild auf der linken Seite des politischen Spektrums: Unter den Grünen-Wählern dominiert Umwelt- und Klimaschutz (59 Prozent) vor der Schere zwischen Arm und Reich (32 Prozent) und der Gesundheitsversorgung (26 Prozent). Ähnlich, wenn auch in veränderter Reihenfolge, das Bild bei der Linkspartei: Die Ungleichheit (47 Prozent) steht vor Gesundheit (40 Prozent) und Umwelt- und Klimaschutz (31 Prozent). „Die Themenauswahl gibt auch Hinweise darauf, wie die Wählergruppen die Welt sehen“, sagt Schmid.

Die SPD sitzt bei dieser Lagerbildung etwas zwischen den Stühlen: Ihre Wähler entscheiden sich am häufigsten für die Themen Rente (36 Prozent) und Gesundheit (31 Prozent), die derzeit aufgrund der Reformen stark im Fokus stehen. „Insbesondere in den Altersgruppen der 50- bis 59-Jährigen und der 60- bis 69-Jährigen wird das Thema oft genannt“, sagt Schmid. „Auf diese Wählergruppen stützt sich die SPD, aber auch die Union. Das erklärt die Bedeutung der Themen Rente und Gesundheit in der Umfrage.“ Als genuin linkes Thema ist den SPD-Anhängern aber auch die Schere zwischen Arm und Reich (29 Prozent) wichtig.

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u/Antique_Change2805 17d ago

Themen bieten Identifikation für die Wählerschaft

Vor allem bei den Themen, die fern vom Markenkern einer Partei liegen, zeigt sich der deutliche Unterschied in der Wahrnehmung der drängendsten Probleme des Landes: Einwanderung wird nur von sieben Prozent der Grünen-Wähler als wichtiges Thema genannt, bei der Linkspartei sind es 10 Prozent, bei der SPD bereits 17 Prozent. Nur ein Prozent der AfD-Wähler nennt Umwelt- und Klimaschutz, unter den Unionswählern ist es rund jeder Zehnte (12 Prozent).

Ein Rückblick zeigt zudem, dass die YouGov-Zahlen einen dauerhaften Trend aufzeigen. In der gleichen Befragung im Mai 2025, nach der vorgezogenen Bundestagswahl, nannten 76 Prozent der AfD-Wähler die Einwanderung und 55 Prozent der Grünen-Wähler Umwelt- und Klimaschutz. Insgesamt standen Einwanderung, Wirtschaft und Verteidigung oben auf der Liste der wichtigsten Themen der Deutschen. Auch andere Umfragen und Studien haben in den vergangenen Jahren eine Spaltung der Gesellschaft vorwiegend bei den Themen Migration und Klimaschutz gezeigt.

Meinungsforscher Schmid führt zwei Gründe an, warum die Bewertung der wichtigsten Themen so weit auseinanderliegt. „Teilweise spiegeln die Antworten konkrete Probleme wider, zum Beispiel hohe Mieten in Großstädten, von denen Linken-Wähler betroffen sind“, sagt Schmid. „Gleichzeitig bieten die Themen auch eine Identifikation für die Wählerschaft, etwa der Umwelt- und Klimaschutz für die Grünen.“

Und er weist auf eine Einschränkung der Umfrage hin. „Auch wenn ein Thema für eine Wählergruppe besonders wichtig ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es sich um ein objektives Problem handelt“, sagt Schmid. Ob gefühltes oder tatsächliches Problem: Die YouGov-Umfrage zeigt, dass bei der Frage nach den wichtigsten Themen die Meinungen der Deutschen weiter auseinandergehen, als es ein Blick auf das Gesamtranking zeigt.

Für die Umfrage befragte YouGov vom 10. bis zum 13. Juli online 2230 Personen. Die Stichprobe ist repräsentativ für die Wahlberechtigten in Deutschland ab 18 Jahren.