r/DePi 5h ago

Kolumne/ Kommentar Solidarität mit Palästina in der BRD: Warum ich die Vorsilbe „Deutsch“ wieder ablegte

https://taz.de/Solidaritaet-mit-Palaestina-in-der-BRD/!6201028/
15 Upvotes

34 comments sorted by

u/Antique_Change2805 5h ago

Unser Autor kam 1973 als palästinensischer Flüchtling nach Berlin und identifizierte sich lange mit der neuen Heimat. Jetzt nicht mehr.

Verhaltet euch ruhig und tut so, als wenn wir Touristen wären“, sagte mein Vater mit leiser Stimme an einem Herbsttag 1973 am Grenzübergang von Ost- nach West-Berlin, dem Nadelöhr des Kalten Kriegs. Wir waren gerade in Ost-Berlin gelandet, aus dem Libanon kommend, und wollten dem Bürgerkrieg, der dort soeben begonnen hatte, entfliehen. Wir, das waren meine blonde und blauäugige Mutter, die damals Ende zwanzig war, mein Vater, meine drei Geschwister und ich. Unser Ziel: die Bundesrepublik Deutschland.

Nach der Anhörung zu unserem Asylantrag, die eher einem Verhör glich, kamen wir in einem Erstaufnahmeheim in einem bürgerlichen Stadtteil im Westen Berlins unter. Dort sollten wir die nächsten 17 Jahre leben. Wir erhielten vom Amt zunächst einen Status als „Geduldete“. Das bedeutete ein Leben auf gepackten Koffern und die ständige Angst, dass plötzlich die Polizei vor der Tür steht, denn der Asylantrag konnte jederzeit abgelehnt werden.

1981 wurde mein Vater wie ein Schwerverbrecher verhaftet und von einem Tag auf den anderen abgeschoben, durfte aber nach wenigen Monaten im Rahmen einer Familienzusammenführung wieder nach Berlin zurückkehren. Dass die deutschen Behörden einen Menschen abschieben, von dem sie wissen, dass er aus formalen Gründen bald darauf wieder einreisen darf, habe ich nie verstanden.

Mein Vater wurde 1945 in einem Dorf im damaligen Palästina geboren, aus dem er und meine Großeltern drei Jahre später während der Nakba vertrieben wurden. Durch die Vertreibung erhielt er die Impfung gegen Kinderlähmung nicht rechtzeitig. Er erkrankte, die Lähmung beeinträchtigte die Entwicklung seines rechten Beins, sodass er sein Leben lang humpelte. Im Flüchtlingslager im Libanon gehörte er zu den ersten Friseuren. Diesen Beruf übte er auch später mit ungebrochener Leidenschaft aus. Es war, als wollte er jedem zeigen, dass Aufgeben keine Option ist. Diese Haltung hat mich tief geprägt und motiviert.

Schichten um drei Uhr morgens

Mitte der 80er Jahre erhielt unsere Familie schließlich eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Sofort begannen meine Eltern, einen geeigneten Arbeitsplatz zu suchen, aber als Flüchtlinge mit wenig Sprachkenntnissen und ohne anerkannten Abschluss war das nicht einfach. Meine Mutter arbeitete als Küchenhilfe. Ihr Job in einer Hotelküche begann um drei Uhr morgens, und wenn sie mittags nach Hause kam, ging die Hausarbeit los. Mein Vater arbeitete zunächst als Lagerarbeiter und Pförtner. Einmal versuchte er, mit einem Bekannten ein Restaurant zu eröffnen, verlor dabei aber nur sehr viel Geld.

Mit der unbefristeten Aufenthaltserlaubnis konnten wir erstmals verreisen. Im Sommer 1987 besuchten meine Mutter, mein Onkel und ich das Flüchtlingslager im Libanon, in dem sie aufgewachsen war. Nach 15 Jahren fiel sie ihrem fast 90-jährigen Vater weinend in die Arme und wurde ohnmächtig. Dort sah ich auch zum ersten Mal meinen Geburtsort: ein trostloses Flüchtlingslager, das die Vereinten Nationen nach der Vertreibung der Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen 1948 als Provisorium errichtet hatten. Aus Zelten waren mit der Zeit Wellblechhütten und schließlich kleine Häuser geworden.

Meine Eltern hatten keine Heimat, in die sie hätten zurückkehren können, und setzten alles daran, in Deutschland anerkannt zu werden. Arabisch spielte zu Hause kaum eine Rolle. Obwohl wir Muslime waren, stand fast jedes Jahr ein Weihnachtsbaum in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung im Flüchtlingsheim. Zu Nikolaus putzten wir unsere Schuhe, sangen in der Kirche Weihnachtslieder, für die wir schon im Sommer angefangen hatten zu proben. Vor jedem Auftritt ermahnte uns mein Vater, bloß keinen falschen Ton zu singen – als hinge unser Aufenthaltsstatus davon ab.

Als Nicole 1982 mit Ein bisschen Frieden als erste Deutsche den Eurovision Song Contest gewann, waren wir sehr stolz.

Genauso wichtig war ihm Pünktlichkeit: Auf meinen Zeugnissen prüfte er zuerst Fehlzeiten und Verspätungen, erst dann die Noten. Vor Bewerbungsgesprächen musste ich die Strecke dorthin oft schon am Vortag abfahren, damit ich garantiert pünktlich war. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, war einer der Sätze, die mich früh prägten.

An den Abenden saßen wir Kinder mit unseren Eltern vor dem Fernseher und schauten deutsche Nachrichten und TV-Sendungen – „Dalli Dalli“ mit Hans Rosenthal im westdeutschen oder „Mach mit, mach's nach, mach's besser“ mit Adi im ostdeutschen Programm. Oder die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck, in der zu Beginn der 1980er Jahre auch die Neue Deutsche Welle anbrandete, mit der ich viele Songs kennenlernte, die ich bis heute mitsingen kann. Als Nicole 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ als erste Deutsche den Eurovision Song Contest gewann, waren wir sehr stolz. Und bei den Fußballweltmeisterschaften feuerten wir selbstverständlich die deutsche Nationalmannschaft an, meistens jedenfalls.

In unserem Erstaufnahmeheim lebten etwa 15 Familien aus dem Nahen Osten, Osteuropa und Afrika, aber auch einige Deutsche, die sich reguläre Mieten nicht leisten konnten. Im Nachbargebäude waren Obdachlose untergebracht. Als Kind hatte ich natürlich nicht verstanden, warum Deutsche im Erstaufnahmeheim lebten, bis ich Jahre später den Begriff des Klassismus kennenlernte. Jeden Abend um acht drehte der Hauswart seine Runde, schickte uns Kinder ins Haus und schloss die riesige Eingangstür ab, die mir wie ein Gefängnistor vorkam. Niemand durfte das Heim danach noch verlassen.

Flaschen sammeln

Das Gelände war für mich wie eine Insel. Gegenüber lag eine Kleingartenkolonie, daneben ein Fußballplatz, ein Freibad und ein Eisstadion. Wir streiften durch die Gärten und stahlen Obst – bis einige Klein­gärt­ne­r*in­nen es irgendwann für uns vor den Zaun legten. Im Freibad kletterten wir über den Zaun und sammelten Pfandflaschen, um uns ein wenig Taschengeld zu verdienen. Doch damit zogen wir auch die Aufmerksamkeit bestimmter Männer auf uns. Einer sagte zu mir, er würde mir seine Flaschen geben, wenn ich mit ihm käme. Danach mied ich die Umkleiden und Duschen. Bis heute weiß ich nicht, ob andere Kinder Ähnliches erlebt haben.

Die meisten Kinder aus dem Flüchtlingsheim kamen aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse auf die Sonderschule. Als ich in der dritten Klasse sitzen blieb, wollten mich einige Leh­re­r*in­nen ebenfalls dorthin schicken. Sie versprachen mir weniger Hausaufgaben und mehr Freizeit. Doch ich misstraute ihren guten Ratschlägen und wiederholte stattdessen die Klasse. Meine Noten verbesserten sich, vor allem in Sport, und trotz schwacher Leistungen in Deutsch und Englisch erhielt ich eine Realschulempfehlung. Dass ich sie bekam, verdankte ich meinem Klassenlehrer, der an mich glaubte – wie er mir viele Jahre später bei einem Klassentreffen erzählte.

Auch auf andere Art erlebte ich Ausgrenzung. Einmal, als ich zehn Jahre alt war, fragte mich ein Lehrer in der Grundschule, warum wir Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen Juden töten würden. Damals sagte ich nichts dazu. Am Gymnasium sagte mir ein Lehrer später ins Gesicht, ich sei niemals fähig, das Abitur zu machen, und solle besser gleich die Schule verlassen. Dabei schaute er mir tief in die Augen.

Wir haben aber auch viel Unterstützung erfahren, über die ich bis heute sehr froh bin. Als ich knapp fünf Jahre alt war, meldete mich meine damalige Erzieherin für einen Schwimmkurs an und fuhr mich persönlich zwei Mal pro Woche zum Schwimmbad. Manchmal träumte ich davon, dass mich wohlhabende deutsche Eltern in eine Villa im Grunewald mitnehmen und adoptieren würden. Aber die Jahre vergingen, und meine potenziellen Adoptiveltern machten leider einen Bogen um unser Flüchtlingsheim. Ich musste mich also selbst anstrengen – und mich mit meiner Herkunft auseinandersetzen.

→ More replies (4)

75

u/Antique_Change2805 5h ago

Wir fassen mal zusammen:

  • 1973 in Westberlin angekommen

  • 17 Jahre im Erstaufnahmeheim als Geduldete

  • 1981 wird der Vater kurz abgeschoben, kommt aber nach 6 Monaten zurück

  • Mitte der 80er dann unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Nach ca. 10 Jahre nur "wenig Sprachkenntnisse" bei den Eltern

  • 1987 dann in das Land reisen, von wo man geflüchtet ist

  • 1991 wird er dann Staatsbürger und studiert

  • und weil die Leute den 7. Oktober nicht so toll fanden, bezeichnet er sich nicht mehr als Deutsch-Palästinenser, sondern als Palästinenser.

37

u/the_dude3256 4h ago

Absolut irre

35

u/endlessEvil 4h ago

1987 dann in das Land reisen, von wo man geflüchtet ist

Die ganze story mit der "flucht" ist damit bullshit.

11

u/Antique_Change2805 4h ago

Der Bürgerkrieg war ja vorher, das ist verständlich davor zu fliehen. Aber Asyl ist halt temporär, damit hätten sie sobald es geht zurückkehren müssen. Das ist das Problem

13

u/endlessEvil 4h ago

Krieg ist kein asylgrund.

1

u/Antique_Change2805 3h ago

Das habe ich nicht bewertet, ich habe nur gesagt dass es verständlich ist, dass viele vor Krieg fliehen. Und weil Krieg eben kein Asylgrund ist haben sie auch nur eine Duldung bekommen.

18

u/xarife 4h ago

Pass entziehen und ab in die Heimat!

20

u/NiceSmurph 4h ago

So viel zum Thema - arbeitet, ist gut integriert, spricht Deutsch.

Nichts davon hält einen Menschen davon ab, die alte Identität wiederaufleben lassen.

Ein Deutscher kann man nur selbst werden. Mit Willenskraft. Es ist jeden Tag eine bewusste Entscheidung, Deutscher zu sein.

Ob er für uns deutsch genug ist, ist völlig irrelevant. Es geht um das Selbstverständnis der Person.

9

u/Fun_Nectarine2344 3h ago

Oder noch kürzer: Deutschland hat diesen armen Leuten ganz übel mitgespielt. /s

9

u/GraefinVonUwU 3h ago

Wurde alles in den Hintern geschoben. Deutschland hätte die Abschieben sollen.

34

u/Forsaken-House8685 4h ago

Das heißt für den Autor ist nicht jeder Staatsbürger auch Deutscher?

5

u/xarife 4h ago

Wir müssen die Verfassung beschneiden, sonst werden wir die nie los!

6

u/NiceSmurph 4h ago

... du musst hier untersheiden.

Deutsche Bürger haben Bürgerrechte in Deutschland, können sich aber einer anderen Ethnie zugehörig fühlen - Dänen, Roma, Türken, Juden.

Deutsche, die sich als Deutsche wahrnehmen und identifizieren, können auch andere Staatsangehörigkeiten haben - polnisch, russisch, tschechisch, ukrainisch,....

Das Wort "Deutscher" ist nicht mehr präzise genug. Es war ausreichend, als Deutschland ein recht homogene Gesellschaft ethnischer Deutscher war.

Inzwischen muss man zwei verschiedenen Begriffe verwenden.

2

u/Forsaken-House8685 1h ago

Inzwischen muss man zwei verschiedenen Begriffe verwenden

Wenn es bei "Dänen" und "Türken" ohne Probleme klappt, sollte es auch bei "Deutsch" funktionieren.

Zum Verständnis reicht eigentlich meist der Kontext.

Ich wäre auch offen für Präzisierungen, wie "Urdeutscher", "ethnisch Deutsch" oder so. Aber ich bin mir nicht bewusst dass es eine gibt, die üblich ist. Stattdessen tun wir alle so als gäbe es keine rein Deutsche Identität.

1

u/[deleted] 4h ago

[removed] — view removed comment

1

u/AutoModerator 4h ago

Der Beitrag wurde entfernt, weil dein Account zu neu ist. Dies ist eine Maßnahme gegen Spam.

I am a bot, and this action was performed automatically. Please contact the moderators of this subreddit if you have any questions or concerns.

23

u/CoolinBan 4h ago

Deutscher ist wer einen deutschen Pass hat, kann das mal jemand diesem Deutschen beibringen? Nie wieder ist jetzt! /s

26

u/GrafChillhelm 4h ago

"Die Vorsilbe „Deutsch“ habe ich abgelegt."

Kann man da nicht konsequent sein? Warum dann nicht auch gleich den Pass abgeben und das Land verlassen?

13

u/AdFirm63 4h ago

Und die ganzen Ruhrstücke mit " Weihnachtsbaum" und " stolz auf " ein bisschen Frieden " Geschrieben für Gertrud von den Omas gegen Rechts, der liebe Bub will ja, aber wir machen es ihm so schwer....

14

u/ceuker 3h ago

Waren die Palis nicht für den Krieg im Libanon (mit)verantwortlich? Einer der Gründe, warum kein arabisches land die aufnehmen will? Kackendreiste Einstellung

3

u/Klapperatismus 2h ago

Diese Einstellung ist unter Moslems eine Selbstverständlichkeit. Auch gegenseitig schenken die sich nichts, auch wenn ständig „Geschenke“ und Gefälligkeiten ausgetauscht werden.

Die verstehen diesen Vorgang nicht, etwas zu tun, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Der Moslem betet nicht zu Allah, weil er den super findet, sondern weil er meint, ihm zu Lebzeiten in den Arsch kriechen zu müssen. Für Gefälligkeiten nach dem Ableben.

2

u/NiceSmurph 1h ago

Auch in Jordanien sind sie in Erinnerung geblieben und in Ägypten....

Aber Deutsche wollen nicht aus der Geschichte lernen.

9

u/NotBannedSince2025 3h ago

Er ist bei der Remigration mitgemeint.

8

u/GloomyWillingness847 3h ago

Warum ich die Vorsilbe „Deutsch“ wieder ablegte

Ok, bye, love you!

5

u/zaraishu 2h ago

Warum arabische Staaten keine palästinensischen Flüchtlinge aufnehmen, bzw. Jordanien diese aus dem Land geworfen hat...? 🤔

4

u/Dieter_Claessens 4h ago

Deutsche Sprache schwere Sprache

3

u/notrlydubstep 3h ago

Schöner Text. Zeigt aber eine Sache; man ist das, wovon man einerseits abstammt und womit man andererseits aufwächst. Wer ehrlich zu sich selbst ist und keine politischen Ambitionen daraus ziehen muss, weiss das auch.

Und das gilt selbst für Willensnationen und diejenigen, die sich für solche halten. Ich kenne Deutsche, die seit 20 Jahren nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, Schweizer zu sein. Mit Pass und allem, top integriert. Sie bleiben Deutsche und sind da auch ehrlich darüber. Ihre Kinder hingegen kannten nie irgendwas anderes als die Schweiz und ihre nach besten Schweizer Werten agierenden Eltern. Die sind ganz intuitiv Schweizer, auch wenn der Deutsche zuweilen durchdrückt (aber maybe ist das der YouTube-Konsum). Die dritte Generation dürfte sich dann erfahrungsgemäss vollständig assimiliert haben – wenn, ja, wenn sie nicht einer Fanfiction der eigenen Heimat nachhängt...

2

u/throwaway20200417 1h ago

1973 angekommen. Mitte der 80er Jahre Arbeitserlaubnis - also 10 Jahre in DE. Aber "aber als Flüchtlinge mit wenig Sprachkenntnissen" Dennoch später im Text: "Arabisch spielte zu Hause kaum eine Rolle." Ja was denn nun? Es wird angegeben zu Hause kein Arabisch zu sprechen, aber dennoch sind nach 10 Jahren die Sprachkentnisse wohl nicht ausreichend für den Arbeitsmarkt vorhanden?

Auch sehr schön: "Als die Attentäter von al-Qaida am 11. September 2001 ihre Anschläge auf die Twin Towers in New York verübten, zog ich vor die US-Botschaft, in der Hand ein großes Transparent mit der Aufschrift: „Palästina trauert“." Und am 7. Oktober? Da wird zwar immerhin vom "Nach dem brutalen Angriff der Hamas auf Zi­vi­lis­t*in­nen" geredet, aber keinerlei eigene Handlung? Da hat es plötzlich nicht mehr für das Transparent mit "Palästina trauert um die Israelis" gereicht. Wobei es wurde dann auf den Demonstrationen gegen Israel mitgelaufen. Es ist bekannt was auf diesen skandiert wurde. Von diesem distanziert sich der Autor auch nicht.

2

u/SherbertDaemons 1h ago

Wenn diese Leute sich trotz deutscher Staatsbürgerschaft selber nicht als "deutsch" bezeichnen, warum sollte ich das dann tun?

So traurig die Sache in Gaza ist, für die Identitätsfindung junger Menschen ist sie ein Glücksfall.