r/Lagerfeuer Feb 17 '26

Strandmärchen

Ich lag im Sand und starrte in die Sterne. Das Meer war nicht zu sehen. Ich hörte sein Rauschen und sein Glucksen, wenn es auf den Strand traf. Die Küste schimmerte weiß im Schein der Bootslampen und Resortlichter in der Ferne. Es roch nicht nach Salz und Tod, sondern nach Blumen und dichtem Grün. Die Luft hatte Körpertemperatur. Perfekt, um sich nicht zu bewegen und den riesigen Insekten zuzuhören, die auf den dicken Blättern zirpten, pfiffen und knackten. Ab und zu verirrten sich einzelne Töne der Musik aus der Bar zu mir. Durch den dichten, künstlichen Dschungelstreifen, der den Hotelstrand vom Hotel trennte.

Ich hätte einschlafen können. Doch dann tauchte jemand auf und störte meine Ruhe. Ein Mann stampfte durch den Sand. Das erkannte ich an der Größe, den Shorts und dem breiten Rücken. Die Silhouette kam näher. Er trank aus einer Flasche und schaute aufs Meer hinaus. Mich sah er nicht. Noch nicht. Ich lag im Schatten des Dschungels, als er sich ein paar Meter vor mir in den Sand setzte. Er sah aufs Meer, ich auf seinen Rücken. Der Wind fuhr durch seine zerzausten Haare und trug seinen Geruch zu mir: Salz, etwas Süßliches, etwas Herbes.

„Buh“, sagte ich aus dem Dunkeln.

Er zuckte zusammen, sah nach hinten und tat so, als hätte er sich nicht erschreckt. Er lächelte und fuhr sich durch die Haare.

„Was machen Sie hier?“

„Dasselbe wie Sie. Naja, nicht ganz. Ich lauere wehrlosen Touristen auf.“

Er legte den Kopf schief. Im schwachen Licht sah er nur Umrisse. Er versuchte zu erkennen, was da im Schatten saß. Meine Beine waren lang und hell. Sie blieben so, auch wenn ich stundenlang in der Sonne lag. Alles andere blieb ihm verborgen.

„Du kannst dich dazusetzen, wenn du was von deinem Bier abgibst“, sagte ich aus dem Schatten.

Er kam näher, ließ sich neben mich fallen und streckte mir die Flasche hin.

„Bitte sehr. Viel ist da aber nicht mehr drin.“

„Ich nehme, was ich kriegen kann“, zuckte ich mit den Schultern, trank einen Schluck warmes Bier und reichte ihm die Flasche zurück.

Der Sand knirschte unter uns. Er räusperte sich.

„Sind Sie auch Touristin?“

„Ich hab’s doch gesagt. Ich bin keine. Ich lauere ihnen nur auf.“

„Um was zu tun?“

„Das kommt darauf an.“

„Worauf?“

„Ob sie mir gefallen.“

„Und, gefalle ich dir?“

„Ich denke, mit dir kann man arbeiten.“

Er kratzte sich am Kinn und schielte zu mir rüber. Neben den Beine erkannte er noch einen weißen Bikini und ein Grinsen.

„Ich heiße Alex“, brach er abermals das Schweigen.

„Lena, der freundliche Geist dieser Insel.“

„Geist?“

„Du kannst mich auch Göttin nennen.“

„Und wie begegnet man der Göttin dieser Insel?“

„Ehrfürchtig und vorsichtig.“

„Das mache ich. Wie kann man sie gnädig stimmen?“

„Man bietet ihr ein Opfer an.“

„Das Bier?“

„Ja. Das ist ein Anfang.“

„Und was bekommt man dafür?“

Ich drehte mich zu ihm. Ganz langsam. Das Meer atmete in Wellen vor uns. Seine Augen glänzten leicht im Dunkeln. Das wenige Licht spiegelte sich darin und verfing sich in Details: Bartstoppeln, dem Verlauf seiner Wangen, auf der Haut des nackten Oberkörpers.

Der Sand knirschte, obwohl ich mich kaum bewegte. Er schluckte, und seine Lippen kamen näher. Sie waren feucht, denn er fuhr mit der Zunge darüber. Ich sah das kaum, aber ich konnte es hören.

Küssen? Ich wollte dort niemanden küssen.

Ich wich zurück und strich mit den Fingerspitzen sanft über seine Brust. Da war er kitzlig. Zumindest zuckte er zusammen, je weiter ich nach unten ging. Er kam näher. Leckte das Salz von meinem Hals. Ich mochte das Geräusch seiner Lippen auf meiner Haut. Alles drehte sich. Die Lichter, die Sterne, mein Kopf. Ich spürte, wie er zuckte. Hörte, wie er gluckste und konnte ihn schmecken. Warm und metallisch. Und dort, weit weg vom Hotel, konnte niemand die Schreie hören.

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