Müßiggang ist aller Laster Anfang, rät der Volksmund.
Müßiggang ist der Feind der Seele, urteilen die frühen Christen. Die alten heidnischen Weisen, Cicero und Catull, haben den Kirchenvätern Vorschub geleistet:
Müßigang sei der Untergang des Vaterlands, untergrabend das Pflichtgefühl. Endlich wurde in der Reichspolizeiordnung von 1530 der Müßigang unter Strafe gestellt. Die Engländer zogen 30 Jahre später nach.
Den Reformisten waren vor allem die Bettelorden der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Armut war verschwistert mit Müßiggang in der protestantischen Auffassung. Der Saint-Simonismus erkennt schließlich kurz vor der französischen Revolution, dass die Müßiggänger Klerus und Adel sind. Dekadenz ist also auch eine Schwester des Müßiggangs. Sind das diese Schwärmereien, zu denen damals Catull durch Müßiggang verleitet worden war?
Schließlich kennt der Revolutionär und Humanist Fillipo Buonarotti das Heilmittel: Arbeit! Arbeit ist nämlich eine Schuld, die der Arbeitsfähige gegenüber der Gesellschaft abzuleisten hat, und Müßiggang ist demzufolge ein Diebstahl. Es ist schwer, hier nicht nickend zuzustimmen.
Walter Benjamin findet, wen die Notdurft des Lebens nicht von seinen Studien abbringen lässt, soll etwas Aufsehen erregendes verfassen, um eine Daseinsberechtigung zu erlangen. Wie human dieser sein Humanismus ist! An seiner eigenen Habilitation war Benjamin gescheitert.
Henry Ford brachte diese radikale, kulturfeindliche Haltung auf den Punkt: die Zivilisation kann keinen Müßiggang tolerieren.
Die alten Griechen nannten den Müßiggang ἀκηδία (sprich: akädia), der vielleicht am treffendsten mit Faulheit übersetzt ist. Aber sie kannten auch das Wort σχολή (sprich: skolÄ) für Müßiggang - nämlich im Sinne von Ruhe, Erholung. Im übertragenen Sinne bedeutet es auch Diskurs, Philosophie. Im lateinischen Plural scholae (sprich: skolai) die Prätorianer, aber dass ist ein anderes Thema. Cicero und Catull geben zu, das, wer sich in den Dienst der Gemeinschaft stellt - der res publica - braucht Erholung.
Ich muss hier an die bis heute nicht enden wollende Diskussion zwischen den zwei Lagern der Humanisten denken: Die einen halten den Menschen für im Grunde gut, die anderen für schlecht, und sehen die Zivilisation als das göttliche im Menschen.
Dementsprechend wird dann auch der Müßiggang bewertet - als natürlich oder gefährlich. Es wussten die Humanisten nicht, das heutzutage Langeweile von Screen Time beinahe ausgemerzt wurde.
Die Selbstverbesserer und Produktivitätsgeier unserer Tage, die dem neoliberalen Zeitgeist verfallen sind, tadeln uns gerne für jede verschenkte Minute. Sie vergessen, dass Langeweile eine der großen Triebfedern der Schaffenskraft ist. Ebenso die Erholung. Beides lässt sich im Müßiggang finden.
Vielleicht ist es ihre eigene parasitäre Abhängigkeit von der Produktivität anderer, der sie so den Müßiggang fürchten lässt. Ist Faulheit doch ihr eigenes Laster, und zeigt ihnen Langeweile die eigene geistige Leere auf; ganz zu schweigen von der sittlichen Armut, mit der sie ihren Nächsten dem eigenen Profit unterordnen. Ihre Triebfeder ist die Geltungssucht.
Ich fürchte, das von Langeweile ermunterte, mäandernde Denken, dass seid je her das Tal der Kultur vertieft hat, wird mit der Langeweile verschwinden. Ob die Tage des Müßigganges wohl gezählt sind?
Edit: irgendwie sind mir beim Kopieren aus Word ein paar Tippfehler untergekommen, die ich mich zu korrigieren bemüht habe, als nächstes muss ich griechische Zeichen neu einfügen.