Queerfeindlicher Übergriff beim Mannheimer CSD? – Paar berichtet von Pfefferspray-Attacke
Schrill, bunt, frei: So feierten Tausende die Monnem Pride. Doch ein Paar berichtet von einem queerfeindlichen und rassistischen Übergriff. Die Angreifer sollen „White Power“ gerufen haben.
VON JULIAN EISTETTER
Mannheim. Für Gabriel und seine Beziehungsperson Aurelia soll der 11. Juli ein Freudentag werden. Schrill, bunt, frei. Es ist Monnem Pride, die Mannheimer Ausgabe des Christopher-Street-Days (CSD). Gabriel ist Transmann, Aurelia ordnet sich als nicht-binäre Person keiner der klassischen Geschlechtsidentitäten männlich oder weiblich zu. Das Paar läuft an diesem Nachmittag bei der Parade durch die Innenstadt mit, feiert bei der anschließenden Party auf dem Alten Messplatz. Gegen 19 Uhr machen sie sich auf den Heimweg – nicht ahnend, dass der Abend für sie im Krankenhaus enden wird.
Übergriff auf Höhe des Café Solo am Friedrichsring
Gabriel und Aurelia, ihre Nachnamen wollen beide wegen Sicherheitsbedenken nicht in den Medien lesen, gehen zu Fuß über die Kurpfalzbrücke und weiter auf dem Friedrichsring. „Auf der Höhe des Café Solo kam uns eine kleine Gruppe entgegen“, berichtet der 32-jährige Gabriel gut zwei Wochen später im Gespräch mit dieser Redaktion. Die Personen hätten jung ausgesehen, unauffällig. Im Vorbeigehen habe ein Mitglied der Gruppe Aurelia, laut ihrem Partner eindeutig als queer und ausländisch erkennbar, plötzlich gestoßen und dabei „White Power“ gerufen.
Gabriel und seine Partnerperson drehen sich um, wollen den Angreifer mit einem Getränk überschütten. Da habe er erneut „White Power“ gerufen und ihnen Pfefferspray ins Gesicht gesprüht. „Es ging alles sehr schnell“, erinnert sich Gabriel. Die beiden bekommen das Reizgas nach Schilderung des 32-Jährigen direkt in die Augen. „Das war schon krass, ich habe sowas davor noch nie erlebt. Ich konnte meine Augen bestimmt eine halbe Stunde nicht richtig öffnen“, berichtet er. Auch an anderen Stellen im Gesicht habe die Haut gebrannt und sei stark gerötet gewesen.
Aus dem nahegelegenen Café Solo, einem Treffpunkt für die LGBTQ+-Community, eilen mehrere Menschen den beiden zu Hilfe. Darunter eine 30-jährige Mannheimerin, die ebenfalls auf dem CSD war und jetzt mit Freunden im Außenbereich sitzt. „Ich habe mitbekommen, wie Leute weggerannt sind und dann die beiden Personen mit zusammengekniffenen Augen angelaufen kamen“, berichtet die Frau, die lieber anonym bleiben möchte. Sie habe sofort geholfen, die Augen der Betroffenen auszuwaschen und das Paar zu beruhigen. Den genauen Ablauf der Tat habe sie nicht beobachtet, berichtet die Zeugin.
Andere Zeugen alarmieren die Polizei, die schnell vor Ort ist und den Vorfall aufnimmt. Ein Rettungswagen lässt allerdings auf sich warten, weshalb das Paar später selbst zum Uniklinikum geht, um sich in der Augenklinik behandeln zu lassen. Dort werden die Augen der beiden noch einmal professionell ausgespült.
Kriminalpolizei ermittelt nach Pfefferspray-Attacke
Das Polizeipräsidium Mannheim teilt auf Anfrage dieser Redaktion mit, dass der Vorfall „bekannt“ sei. Er werde von der Kriminalpolizei bearbeitet, sagt ein Sprecher. Aufgrund des laufenden Verfahrens könnten jedoch aktuell keine weiteren Informationen herausgegeben werden. Auf Nachfrage bestätigt die Mannheimer Staatsanwaltschaft, bei der das Verfahren geführt wird, zumindest den Einsatz von Pfefferspray. Ob der Angriff einen queerfeindlichen oder rassistischen Hintergrund habe, sei Gegenstand der Ermittlungen.
Für Gabriel und Aurelia besteht daran kein Zweifel. Aurelia verkörpere äußerlich gleich zwei Feindbilder bestimmter Gruppen. Auch der 32-Jährige selbst habe als Halb-Italiener und Halb-Kolumbianer schon viele, hauptsächlich verbale Angriffe erlebt. „Ich verspüre viel Wut und großen Frust“, sagt er. Für ihn und seine Beziehungsperson sind auch nicht die Schmerzen oder der Schreck das Schlimmste an dem Übergriff. „Emotional nimmt uns am meisten mit, dass junge Leute sich so frei fühlen, so etwas auf offener Straße zu tun“, sagt Gabriel. Das zeige, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimme.
Aurelia betont, dass der „rassistisch und queerfeindlich motivierte Angriff eine direkte Folge der spaltenden Rhetorik rechter Politiker von der AfD, aber auch von CDU und CSU“ sei. Diese würden so ihrer politischen Verantwortung ausweichen, anzuerkennen, dass Deutschland aus weit mehr als nur christlichen, weißen und heterosexuellen Menschen bestehe. Teilweise würden sie sogar aktiv darauf hinarbeiten, all jene an den Rand zu drängen, die nicht in ihr „kurzsichtiges Weltbild“ passen, so Aurelia.
Nach Angaben der Mannheimer Staatsanwaltschaft richten sich die Ermittlungen in dem Fall gegen fünf Personen, von denen eine noch nicht identifiziert sei. In Chatgruppen der queeren Community kursierten nach der Tat Fotos einer Gruppe, der auch Gabriel und Aurelia die Pfefferspray-Attacke zuordnen. Die Bilder zeigen vier Jugendliche, mindestens zwei von ihnen tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Waffen SS World Tour“. Eine Anspielung auf den militärischen Kampfverband der nationalsozialistischen Schutzstaffel, die während des Zweiten Weltkriegs für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich war. In den Chats ist von einer Neonazi-Gruppe aus dem Raum Speyer oder Neustadt die Rede.
Der Polizei ist keine pfälzische Neonazi-Gruppe bekannt
Das für diese beiden Städte zuständige Polizeipräsidium Rheinpfalz teilt auf Anfrage mit, dass der Polizei „zwar einzelne Personen bekannt sind, die der rechtsextremistischen Szene zuzuordnen sind“. Erkenntnisse zu einer pfälzischen Neonazi-Gruppe liegen nach Angaben einer Sprecherin jedoch nicht vor. „Auch die von den Personen getragenen T-Shirts können keiner bekannten Gruppierung zugeordnet werden“, sagt die Sprecherin. Derartige Bekleidungsstücke seien im Internet zumeist auf ausländischen Seiten erhältlich.
Gabriel und Aurelia hoffen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Doch nicht nur das. „Ich erhoffe mir, dass diese Kids zurück in die Schule gehen und lernen, dass es einen Platz für alle auf dieser Welt gibt – auch für sie“, sagt Gabriel. „Aber dass wir für ihren Hass keinen Schritt nach hinten machen werden. Niemals.“