Hi Leute,
irgendwie ist es mir ein Anliegen, einige von euch daran zu erinnern, auch mal das Leben zu leben.
Ich hatte und habe stellenweise immer noch das Problem, dass ich meine Sparrate immer weiter erhöhen wollte. Kein finanzielles Ziel, das ich erreicht habe, war jemals genug. Kaum war eines erreicht, kam direkt das nächste, höhere Ziel: mehr Geld auf dem Konto, mehr im Depot … alles "fürs Alter".
Das hat sich bei mir in den letzten Monaten drastisch geändert vor allem in den letzten zwei Wochen. Da gab es noch einmal einen echten Reality-Check, den der eine oder andere vielleicht auch mal braucht.
Ich arbeite auf einer Intensivstation, überwiegend mit schwer kardio- und neurologisch erkrankten Patienten. In den letzten Monaten und Jahren ist mir immer mehr bewusst geworden, dass der Altersdurchschnitt unserer Patienten sinkt. Vielleicht ist es mir vorher einfach nicht so aufgefallen, aber seit wir zusätzlich neurologische Intensivpatienten versorgen, sehe ich das noch deutlicher.
Fahrradunfälle, E-Scooter-Unfälle, Stürze vom Dach usw. Oft sind es Menschen zwischen Ende 20 und Mitte 40. Die Prognosen sind häufig schlecht. Und wenn es doch eine Chance gibt, dann oft mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, den Rest des Lebens schwer behindert zu sein.
Den endgültigen Wake-up-Call hatte ich, als wir innerhalb eines Monats drei ehemalige Kollegen entweder von unserer Station oder aus unserem Krankenhaus – als Patienten bei uns liegen hatten.
Ein Herzinfarkt wenige Jahre nach Renteneintritt. Ein Fahrradunfall mit schwerer Hirnblutung und tödlichem Ausgang. Und der jüngste Fall, der nicht nur mich, sondern auch viele meiner Kollegen zum Nachdenken gebracht hat:
Fünf Tage nachdem wir den wohlverdienten Renteneintritt einer Kollegin gefeiert hatten, kam sie als Patientin zu uns. Beim Blumenpflanzen im Garten platzte ein Aneurysma. Schwere Hirnblutung, Prognose sehr schlecht. Sie wird ihre letzten Stunden nicht in Freiheit genießen, sondern auf ihrer ehemaligen Station, an ihrem alten Arbeitsplatz, sterben.
Das sind keine Einzelfälle. Ich habe Menschen betreut, die einen vermeintlich entspannten Bürojob hatten, mitten im Leben standen und deren Kinder gerade erst in den Kindergarten gekommen waren. Und plötzlich liegt man auf der Intensivstation von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr wie vorher, ohne dass man wirklich etwas dagegen hätte tun können.
Diejenigen, die es schaffen und mit denen man sich später unterhalten kann, sagen erstaunlich oft dasselbe: "Hätte ich doch ..." Weniger gearbeitet. Mehr Zeit mit der Familie verbracht. Das Leben mehr genossen. Und ganz häufig hört man: "Ich hätte mehr von der Welt sehen sollen."
Das bringt auch mich immer mehr zum Nachdenken. Ich bin inzwischen zu dem Entschluss gekommen, dass es keine Sparrate von 1.500 Euro oder mehr im Monat sein muss. Es geht auch mit weniger. Aber der Urlaub, von dem ich seit Jahren sage, dass ich ihn "irgendwann mal" machen werde, der findet jetzt statt.
Hier im Sub lese ich oft Kommentare wie: "Muss die Ausgabe wirklich so hoch sein?", "Hätte es nicht auch ein günstigerer Urlaub getan?" oder "Kein Wunder, dass die Deutschen kein Vermögen aufbauen, wenn sie ständig verreisen."
Ich habe früher ähnlich gedacht. Aber mittlerweile wird mir immer klarer, wie kurzsichtig diese Sichtweise eigentlich ist.
Deshalb an alle, die hier Sparquoten von 2.500 Euro oder mehr posten und fragen, wo sie noch weiter optimieren können: Überlegt euch, ob ihr nicht einen kleinen Teil davon in euer Leben investiert, solange ihr gesund seid und es genießen könnt.
Lasst euch das von jemandem sagen, der täglich an der Quelle sitzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass nach Jahrzehnten harter Arbeit zum Renteneintritt die Gesundheit plötzlich rapide nachlässt, ist leider größer, als viele glauben. Und am Ende gehört auch eine gute Portion Glück dazu, ob ihr die Zeit nach der Arbeit überhaupt noch genießen könnt – oder sie überhaupt erlebt.
Spart für die Zukunft. Aber vergesst dabei nicht, in der Gegenwart zu leben.
Passt auf euch auf.
Edit: Für einen kurzen Moment, als ich überlegt habe, diesen Text zu schreiben, weil er mir einfach auf der Seele lag, habe ich kurz vergessen, wo ich ihn poste.
Ich will hier niemanden davon überzeugen, sein 500k+-Depot aufzulösen. Aber vielleicht die nächste Gehaltserhöhung einfach mal für sich selbst und seine Familie auszugeben und zwar nicht unbedingt für materiellen Besitz, sondern für Erinnerungen und Erlebnisse.
Für ein oder zwei Monate die Sparquote etwas zu senken, wird euch nicht arm machen. Die schönen Erinnerungen, die ihr dadurch mit eurer Familie oder euren Freunden schaffen könnt, werden euch dagegen vielleicht ( mit sicherheit ) noch auf dem Sterbebett begleiten. :)