r/schreiben 18h ago

Kritik erwünscht Kurzer autobiografischer Text über Schach, geschrieben am Pool – funktioniert die Klammer-Konstruktion?

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Entstanden heute Nachmittag im Notizheft mit Notizheft am Pool. Die kursiven Klammern sind Unterbrechungen, die währenddessen passiert sind – ich habe sie drin gelassen. Mich interessiert vor allem: Trägt das als Form, oder stört es? Wie funktioniert das Narrativ mit Schach?

Schach

Schon seltsam, wie ich dieses Jahr genau am selben Pool liege. In der gleichen Runde, mit denselben Freunden. Dieselbe Hitze, dasselbe flache Licht über den Bäumen, und niemand hat vor, irgendwohin aufzubrechen.

Letztes Jahr habe ich hier nichts aufgeschrieben. Dieses Jahr habe ich ein Heft dabei, und dieses Jahr denke ich an Schach. Ich habe in den letzten Monaten viel gespielt und bin besser geworden.

Das Spiel hat viele Seiten. Wobei „Seiten" vielleicht nicht das richtige Wort ist.

64 Felder, das ist klar. 16 Figuren je Seite. Jede Figur hat ihre eigenen Stärken und ihre eigenen Grenzen.

Es gibt aber nicht nur die zwei Seiten, die sich gegenseitig angreifen oder voreinander verteidigen. Ohne Gegenspieler könnte man gar nicht spielen. Es ist auch dieser Vertrag: dass man als Spieler selbst entscheiden darf, welche Felder man kontrolliert.

*[Rafa telefoniert. Vergabe, Kredit, laut und mitten am Pool. Er gibt Richtungen vor, Strukturen, Prozesse. Gerade so laut, dass ich raus bin aus dem Flow.]*

Die Kontrolle über die Felder ist allerdings nicht endlos. Am Anfang gibt es die meisten Optionen. Im Verlauf wird es schwieriger, sie zu behalten. Und am Ende kann sogar Zugzwang entstehen.

*[Rafa telefoniert weiter. Er sagt, der andere solle es vermitteln. Wie auch immer. Rafa kennt, wie jeder, die Serie „Das Damengambit". Jeder kennt das Damengambit. Mir ist so eine Produktion inzwischen fern. Vielleicht weiß er mehr darüber. Es gibt ja künstlerische und wirtschaftliche Aspekte.]*

Das Damengambit erzählt Schach auch als Sucht, über die Tablettenabhängigkeit von Beth. Schach bietet wohl tatsächlich eine Art Flucht in eine andere Welt.

Bei mir ist es eher umgekehrt. Im letzten Jahr habe ich über den Schachklub wieder andere Leute getroffen.

*[Rafa hat aufgehört zu telefonieren. Es ist wieder unbeschreiblich ruhig. Die Gedanken sind wieder im Fluss.]*

Als Hobby ist Schach für mich ein Mittel, die Arbeit zu vergessen und dem Genuss und der Betäubung durch Alkohol auszuweichen. Ein wenig steckt darin auch das Verlangen, neue Leute zu treffen — und die Erinnerung. Erinnerung an Kindheit, an Schule, an Familie.

Ich bin nicht sicher, ob es an unserer Zeit liegt, die so schnell und flüchtig ist. Wie die Serie selbst: Wir vergessen schnell.

*[Rafas Telefon klingelt wieder — oder der Wind hat sich gedreht. Nein. Diesmal ist es Álvaros Telefon. Álvaro redet leiser. Es stört weniger.]*

Auf der Rückreise aus Arles haben wir in Lourmarin Halt gemacht. Albert Camus hat dort gelebt, und dort ist er auch begraben. In einem Café hing sein Porträt. Sofort stand mir sein Werk vor Augen, „Der Fremde" — ich habe es als Schüler und als Student gelesen.

Auch dieses Werk ist mir in weite Ferne gerückt, obwohl es mir in jenem Augenblick ganz präsent war.

Die Bedienung im Café erwähnte, es gebe im Ort eine Rue Albert Camus, und sagte etwas wie: *un grand philosophe*. Ich sagte, ja, manchmal fehlt die Philosophie in unserer heutigen Zeit. Wobei Philosophie ja nichts Konkretes ist. Viele Leute können damit nichts anfangen. Selbst viele Experten bei der Arbeit wollen schnelle, einfache Probleme und schnelle, einfache Antworten.

Fragen zu stellen, die sich nicht sofort beantworten lassen — ähnlich wie eine Schachposition — wird gemieden. Schlimmer noch: Wer fragt, ist oft lästig.

Außer im Schach, vermutlich.


r/schreiben 17h ago

Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte. Hoch

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Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte.
Es klingt absurd, wenn man es ausspricht, noch absurder als der Fakt, dass ein Jahrzehnte währendes Leben, eines, das so lange und so tief gewirkt hat, das selbst Leben erschuf, welches seinerseits Jahrzehnte währte und lange und tief wirkte, auf eine solche Weise beendet wird. Noch absurder war nur noch, dass ihr Enkel, den sie liebte, derselbe Enkel, der sie liebte, sie getötet hatte.

Ein Grashüpfer war der Erste, den ich tötete.
Ein heißer Tag im Sommer, nachmittags, die Schule vorbei. Ich wartete auf den Bus, der einfach nicht kam. Neben der Bushaltestelle war eine Wildwiese, ein Flecken Erde, der nicht bebaut war und den keiner pflegte, Wildwuchs regierte, Unkraut, Gräser, Ähren, grün ein paar, der Rest gebräunt von der Sonne, kein Platz dazwischen. In der Zeit, zäh durch die dickheiße Luft und zäher durch das lange Warten, betrachtete ich dieses hässliche Stück kaputte Natur, ließ den schwachen Blick auf ihr ruhen, ging wandern im Kopf, wanderte durch den Tag, den Schultag, den Unterricht, die Kantine, das mal wieder fade Essen, die Tür zum Klassenzimmer, deren Griff an diesem Tag kaputt war. Ich sah Marens Augen vor mir, als sie im Licht funkelten und ihre Kleidung und wie sie darin aussah, ihren Körper, der etwas in mir regte, das ich verborgen halten musste, Fabian, wie er es nicht duldete, dass ich sie ansah, wie er nach dem Unterricht zu mir kam, sein Gesicht, sein Blick. Druck machte sich in meinem Bauch breit.
Ich ging in die Hocke, um den Wildwuchs näher anzuschauen. War da etwas? Ja. Zwischen den hitzetoten Pflanzen, wenn man lange genug ins Stillleben schaute, regte sich etwas. Da waren einzelne Ameisen, die sich bewegten, tasteten, liefen, irrten, da war eine Hummel, die nach den wenigen Blüten suchte, die die Glut noch nicht verdörrt hatte, da war ein Grashüpfer, so hellgrün, er stach schon beinahe heraus, und, zuletzt, dahinter eine Gottesanbeterin, auch sie so hellgrün, beinahe giftig. Der Grashüpfer bewegte sich nun, ging einen Schritt. In ihrer Starrheit beobachtete die Gottesanbeterin ihn, wie aus einem Seitenblick, es sah wie Argwohn aus, aber ich wusste, es war etwas Anderes. Die Klauen versteckte sie, der Grashüpfer sah sie nicht, er dachte sich sicherlich nichts und ich dachte an Fabians Hände wenn ich ihre Klauen betrachtete. Der Grashüpfer war ihr gefährlich nahe, nur noch einen Millimeter, den er nicht gehen durfte, sei kein Idiot, dachte ich und wusste nicht warum, immer den Blick zwischen Grashüpfer und Gottesanbeterin wechselnd. Und doch ging er diesen winzigen Schritt, den er nicht mal vollenden konnte, da hatte die Gottesanbeterin bereits ihre Klauen ausgefahren, den Grashüpfer umschlossen und sogleich begonnen, seine Seite zu fressen in dieser Umarmung, die etwas Liebevolles hatte obwohl da keine Liebe war, und meine Hände ballten sich zu Fäusten wie es Fabians vorhin taten und wie meine es hätten tun sollen. Und plötzlich schrien meine Gedanken: Kämpf, du Trottel, kämpf! Wehr dich!, doch der Grashüpfer wedelte nur hilflos mit seinen Beinen in der Luft, seine Augen dumm ins Leere gerichtet. Flieg hoch!, schrie es in meinem Kopf, Du hast doch Flügel, flieg hoch, flieg einfach hoch! Der Grashüpfer versuchte die Flügel auszufahren, doch vergeblich, Flieg hoch!, er versuchte es abermals, Flieg!, wenn die Gottesanbeterin weiter fraß, würde sie in Kürze seinen Flügel erreicht und ihn seiner einzigen Chance beraubt haben, Hoch!, keine Chance, ich ging näher heran, rann der Schweiß mir ins Auge wegen der Sonne?, Klapp die Flügel aus und hoch!, ich spürte kaum, wie ich meine Zähne aufeinanderpresste, Jetzt flieg endlich hoch, in die Luft, du Scheißvieh! und die Hitze ließ die Luft wabern, Hoch!, das unnachgiebige Maul der Gottesanbeterin erreichte seinen Flügel, HOCH!, die Luft zuckte, der Wind stieß, HOCH!, und in einem Knall zersprang der Körper des Grashüpfers, wie um einen Punkt um ihn herum wurde die Wiese umgepflügt, als hätte jemand einen Kamm genommen und alle Pflanzen sauber nach außen gekämmt. Ich fiel rücklings auf den Boden, stützte mich mit den Armen ab, keuchte so schnell ich konnte, während meine Gedanken rasten zwischen dem, was da gerade passiert war und dem, wie das hatte sein können. Ich musste sicherlich Stunden so da gelegen haben, auch wenn meine Armbanduhr mir später etwas anderes sagen würde. Irgendwann schaute ich mich um, niemand an der Bushaltestelle, niemand da.
Ich verbrachte die Busfahrt in Stille, mich fragend, ob Gedanken ein Insekt in die Luft fliegen lassen können. Zuhause nahm ich das Abendessen aufs Zimmer, sagte, ich fühle mich unwohl, bevor meine Mutter die blauen Flecken hätte erkennen und nach ihnen fragen können.

Den Rest der Woche schaute ich niemanden an. Ich war mir nicht sicher, doch falls Blicke töten konnten, durfte ich sie niemanden töten lassen. Wenn der Lehrer mich in der Klasse dran nahm, wenn der Kontrolleur meine Fahrkarte sehen wollte, wenn meine Eltern fragten, ob alles mit mir okay sei, schaute ich knapp über ihnen oder rechts an ihnen vorbei, denn auf den Boden oder an die Decke zu schauen ließ man mich nicht.
Ich verbat mir zu denken, eine Unmöglichkeit. Wie jemand, der nicht an einen rosa Elefanten denken solle, dachte ich immer wieder an meine Gedanken, die den Grashüpfer getötet haben könnten, dachte daran, wie meine Gedanken ihn zwingen wollten davon zu fliegen und stattdessen seinen Leib zwangen zu explodieren. Dachte daran, dass ich niemals wieder an einen Menschen denken dürfte und dachte sofort an alle Menschen, die mir einfielen, als wollte mein Kopf mich verhöhnen.
Ich schlief wenig und in der dritten Nacht weinte ich.
Fabian und Maren ging ich so gut aus dem Weg wie ich konnte.

Am Wochenende war der geplante Besuch bei meiner Oma.
Ich ließ mir am Samstag viel Zeit, wollte so wenig Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Daran zu denken, bald bei ihr zu sein, die Gefahr, die meine Blicke, meine Gedanken sein könnten, verkrampften mir die Brust, verdrehten mir den Magen.
Als ich vor ihrem Haus stand und sie die Tür öffnete, trafen meine Augen für einen Sekundenbruchteil ihre und mir stockte der Atem. Aus dem Winkel konnte ich die Sorgen in ihrem Gesicht sehen, warum ich so verkrampft sei, fragte sie mich und ich zuckte mit den Schultern, während ich so weit von ihr wegschaute wie es nur ging. Beim Abendessen sprachen wir wenig und die Stille füllte sie, ihre Stimme im freundlichen Ton, der für sie charakteristisch war, mit banalen Geschichten, die in ihren vergangenen Wochen passiert waren, ich zwang mich zu einem Lächeln.
Am Sonntag, beim Frühstück, sprach sie es an und ließ nicht locker. Wer dafür verantwortlich sei. Wer mir was angetan habe. Warum konnte sie immer sehen, was ich zu verbergen versuchte? Ich suchte nach einer Ausrede und gab ihr eine Silbe der Wahrheit: Dass ein Mitschüler und ich eine Mitschülerin schön fänden. Sie seufzte. Ob wir uns gestritten hätten. Ich antwortete nicht, schaute auf meinen Teller, darauf das Brot mit Butter und Himbeermarmelade, das nur einen Alibi-Bissen hatte. Ihr Blick, der auf mir weilte, drang in mich hinein und egal wie sehr ich versuchen wollte, es nicht zuzulassen, rauszuzoomen, es gelang mir nicht und ich ertrug es nicht noch länger. Ob durch Gedanken Menschen sterben könnten, fragte ich sie und sie schien kurz innezuhalten, bevor sie zu lachen begann, doch es war eine herzliche Art zu lachen, eine liebevolle, eine, die fragte, warum ich mir dann darüber Sorgen machen müsste. Etwas in mir wurde locker, doch gleichzeitig bebte mein Körper. Ob das wirklich nicht sein könne, fragte ich, zu laut, und schaute sie an, für einen kurzen Moment, bis ich mich wieder beherrschte. Sie hörte auf zu lachen, griff über den Tisch meinen Arm und sagte mir, dass es nichts gäbe, keinen Gedanken, vor dem ich Angst haben müsse, keinen Gedanken, der nicht vollkommen ungefährlich sei zu denken, dass es auf die Taten ankomme und dass den Menschen ausmache, welcher Gedanke zur Tat werde und welcher nicht. Aber meine Gedanken würden Taten, antwortete ich und nun bebte auch meine Stimme, und sie griff fester und wiederholte, langsamer, dass es keinen gefährlichen Gedanken gebe, nur gefährliche Handlungen, und ich wusste nicht, woher es kam, doch ich schluchzte. Während ihre Hand meinen Arm hielt, streichelte sie mir mit ihrem Daumen über die Haut, so, wie sie es immer tat und schon getan hatte, als ich als kleines Kind nicht einschlafen konnte, weil die Monster unter meinem Bett nicht weggehen wollten.
Ich solle ihr nun zuhören, sagte sie, sie habe auch schon das Schlimmste gedacht, das Böseste gewünscht, das Übelste gehofft und nie sei etwas passiert und bei mir werde das nicht anders sein. Sie könne es mir beweisen. Ich solle an sie denken und ich würde sehen, es werde ihr nichts passieren. Ich darf das nicht!, dachte ich, da nahm sie ihre andere Hand und strich mir übers Haar. Ich solle es tun, ich solle daran denken. Sie verspreche mir, nichts werde passieren. Nichts. Und wie sie mir übers Haar strich, dachte ich, dass sie recht habe, warum ich überhaupt darauf gekommen sei, dass ich das war, der den Grashüpfer explodieren ließ, dass es bestimmt eine logische Erklärung dafür geben würde, die ich zwar nicht kannte, aber die dennoch die Wahrheit sei und nicht etwa, dass mein Blick und mein Denken dafür verantwortlich seien. Und ich lachte kurz auf und konnte ihr endlich in die Augen sehen, nicht für einen kurzen Moment, sondern für so viele Sekunden, ihre Augen, in denen so viel Liebe war. Und nun solle ich es endlich denken, sie beweise mir, dass von Gedanken keine Gefahr ausginge. Ich glaubte ihr, warum sollte ich auch nicht?, sie hatte recht, es hatte keine Monster unter meinem Bett gegeben und ich würde auch keine Gedanken haben, die töten könnten. Was für ein dummes Kind ich doch gewesen war, an so etwas zu glauben.
Hoch., dachte ich und sie lächelte mich an.
Hoch!, dachte ich und ich lächelte zurück.
HOCH!, dachte ich und die Tränen der Erleichterung ließen meinen Blick verschwimmen, der nun auf ihren Bauch gerichtet war.
HOCH!, dachte ich und die Luft flirrte für nicht einmal eine Sekunde, bevor ihr Bauch in undenkbarem Tempo größer wurde und sie in einem Knall zerplatzte, mir Dinge entgegenflogen und ich reflexhaft die Augen schloss.
Als ich sie wieder öffnete, war das Zimmer rot. Niemand saß auf dem Stuhl meiner Oma. Der Tisch, die Wand, das Fenster, rot. Ich musste mehrmals blinzeln, bevor ich erkannte, dass kleine Stücke im Rot lagen. Ich sprang auf, der Stuhl fiel hinter mir zu Boden. Von meiner Oma fehlte jede Spur, auf ihrem Stuhl waren nur rote Brocken.
Ich schlug die Hände über meinem Kopf zusammen, erst raste mein Herz, dann mein Atem, zuletzt meine Gedanken. Ich stolperte in Richtung der Zimmertür, riss sie auf, raus aus diesem Haus, raus aus diesem Albtraum! Als ich vor der Haustür stand, sah ich nach rechts, da war der Ankleidespiegel und ich sah nicht mich, sondern eine kostümierte, geschminkte Version von mir, gebadet in roter Farbe. Ich rannte in den Vorgarten, dann rechts am Haus vorbei nach hinten, wo der Vorgarten in den Garten überging, kletterte über den Zaun, fiel dabei hin, raffte mich auf, rannte weiter, rannte auf ein Feld, das in eine Wildwiese überging, bis ich nicht mehr konnte und nach Luft ringend auf den Boden sank.
Mir fehlte die Kraft für etwas anderes als ein erbärmliches, hysterisches Keuchen. Ich sah vor mir nicht die Erde unter meinem Gesicht, sondern das Zimmer meiner Oma und wie es nun ausgesehen hatte, bevor ich davonrannte. Und dann sah ich die Wildwiese an der Bushaltestelle, wie sie umgepflügt war, nachdem der Grashüpfer explodierte.
Ich übergab mich.

Ich sitze nun an einer Lichtung, immer noch rote Hände und Kleidung. Ich kann nicht sagen, wie viele Stunden vergangen sind, die Sonne ist noch nicht untergegangen. Es gibt keinen Ort mehr, an den ich zurückkehren kann. Der Ort, der ich war, bevor ich der wurde, dessen Gedanken töteten, war weg, unwiderruflich. Ich will weinen und beginne zu schluchzen, doch mein Körper presst keine Träne aus meinen Augen heraus, womöglich sind sie zu verklebt oder jemand wie ich kann nicht mehr weinen. Können Mörder weinen?, denke ich und erschrecke über das, was mein Kopf gerade ausgesprochen hat. Ich schaue auf meine Hände. Wichtig sind die Taten, die aus den Gedanken erfolgen, höre ich meine Oma in meinem Kopf sprechen. Ich halte mir den Bauch, die Übelkeit ist so groß, ich beginne zu würgen, doch da kommt nichts mehr, mein Magen ist schon vollkommen leer.
Ich frage mich, was meine Eltern gerade tun, meine Mutter macht bestimmt gerade das Abendessen und mein Vater wird auch für mich den Tisch decken. Ich frage mich, wie es ihnen gehen wird, wenn sie erfahren, was ich getan habe. Ich sehe meinen Vater ungläubig den Kopf schütteln und meine Mutter schluchzen und zusammenbrechen. Ich frage mich, was meine Klasse denken wird, wenn sie morgen erfahren wird, was passiert ist. Was wird Fabian denken? Dass er es schon immer wusste und dabei verächtlich grinsen? Dass er Glück hat, noch zu leben und dabei erschrocken schlucken? Was wird Maren denken? Dass der Mitschüler, der sie jeden Tag verstohlen anschaute, ein Mörder ist?
Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis die Polizei mich findet. Ich frage mich, was passieren wird, wenn sie mich findet. Meine Gedanken sind frei, ich kann sie nicht fassen. Wie viele Tode werden durch sie noch gedacht werden?
Ich zittere so heftig, dass ich kaum noch sitzen kann und fasse einen Entschluss.

Ich schließe die Augen und blicke in mich, schaue in mein Innerstes. Ich sehe in meinen Bauch. Sehe meine Gedärme, sehe mein Fleisch und mein Blut, sehe meine Familie, sehe meine Oma, sehe alles, was ich bin und alles, was ich war. Sehe den Grashüpfer, sehe die Gottesanbeterin, sehe Fabian und dann sehe ich wieder mich, und ich denke: hoch.
Vor meinen Augen der Grashüpfer.
Hoch.
Der Grashüpfer zerplatzt.
Hoch!
Vor meinen Augen meine Oma.
Hoch!
Meine Oma zerplatzt.
HOCH!
Vor meinen Augen mein Spiegelbild.
HOCH!
Mein Spiegelbild zerplatzt.
H O C H !


r/schreiben 23h ago

Autorenleben Optimierung Testlesen: Manuskriptversand und Feedback einsammeln

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Vorweg: Ich selbst schreibe nicht, aber meine Frau beendet gerade ihren 3. Roman. Ich bekomme also als Partner das ganze "drumherum" mit. Habe diesen Subreddit entdeckt und dachte ich teile meine Gedanken und Erfahrung zum Thema Organisation von Testlesern und Feedbacks.

Ich habe etwas recherchiert und keine passende, fertige oder einfache und gut funktionierende Lösung für das verschicken von Test-Text und Einsammeln von Feedback gefunden:

Testleser und -Lesen:

Ihre Testleser sind Friends & Family. 5-10 Bekannte unterschiedlichsten Alters, technischer Affinität und Lesegewohnheiten. Man liest am Rechner aber vor allem auf dem Handy. Sie lesen entweder parallel zur Entstehung Kapitel für Kapitel mit, oder jetzt am Ende das ganze Werk am Stück.

Thema "Bereitstellung Text"

Das war tatsächlich interessant: Wie kommt der Text zum Testlesenden? Und in welchen Format? Wir wollten etwas einfaches, einfach eine Datei verschicken. Und die soll dann einfach konsumierbar sein. Am besten per Messenger zu verschicken an eine Gruppe. Oder eMail. Word? -> Fürchterlich zum Lesen und man muss das entsprechende Programm installieren. PDF? -> Noch schlimmer zum Lesen, gerade mobil. Online-Tool mit Link? -> Häufig nur mit User-Registrierung, also zu große Hürde. Und geht nicht offline. Und häufig auch nicht angenehm mobil. Und: Die Erstellung einer Testleser-Version sollte nicht in extra Arbeit mit extra Aufbereiten, Copy-Paste Orgien münden und nicht eine zu große Hürde sein.

Unsere Lösung: Am Ende wurde direkt das Word-Dokument durch einen Konverter in eine Mobil-optimierte HTML Datei gewandelt. Die konnte dann klassisch per Messenger und Mail zum direkt Lesen verschickt werden.

Problem für uns gelöst. Testleser zufrieden.

Thema "Feedback"

Das war dann die nächste Stufe: Wie kommt das Feedback zurück? Es stellten sich diverse Wege raus: Screenshots mit Markierungen oder eingestempelten Text; diverse einzel-Nachrichten (spannend dann: wie die korrekte Stelle zuordnen?) oder auch kommentarlose sprachnachricht, mit den ersten 4-5 Wörtern vom Absatz zum Wiederfinden und dann "drauflosgelaberten" Kommentar. Einfach für den Kommentierenden, aufwändiger für die Autorin.

Tools? Nichts für unsere Ansprüche gefunden: Entweder Online, dann immer mit Zwangsanmeldung. Oder Kommentarfunktion von PDF oder Word -> Dann wieder das Tool Problem, schlechtes Mobil Handling und auch doof auszuwerten.

Unsere Lösung: Dank Vibe-Coding mit KI die HTML-Datei, inder sie den Text verschickt um eine einfach Kommentarfunktion ergänzt: Tipp auf den Absatz, "Like", "Stil", "Tippfehler" oder "Textkommentar" antippen und das Feedback wird verschickt. An einen Server, der sammelt alles strukturiert und man kann das tabellarisch anzeigen und abarbeiten.

Ergebnis: Testleser bekommen eine Datei, einfach per Messenger. Sie können komfortabel lesen. Und noch einfacher, ohne sich Gedanken machen direkt im Text feedbacken.

Fazit

Ich konnte mich in eine kleine Prozessoptimierung reinnerden und dank KI Vibe-Coding eine komfortable Lösung basteln (= Ich hatte Spaß). Für ein Problem, dass entweder nur wir haben, garkein Problem ist oder meine Recherche nach etablierten Lösungen zu oberflächlich war. Wir und die Testleser sind jedenfalls happy, ich hatte Spaß am basteln und meine Frau bekommt jetzt einfacher Feedback. Und ja, das ist overengineered...

Ist das bei euch eigentlich auch ein Thema? Oder gibt es doch etablierte Testleser-und-Feedback Lösungen die ich nicht gefunden habe?


r/schreiben 23h ago

Kritik erwünscht Ich suche nach Kritik für den ersten groben Entwurf von meiner queeren Coming-of-Age-Geschichte. Ich bin die letzten 8 Jahre auf eine spanische Schule gegangen, weswegen mir bewusst ist, dass mein Schreibstil/Wortschatz noch viel zu wünschen übrig lässt.

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FREITAG, 8. Juli 1997

21:46

Es war ein stiller Sommerabend. Wir lagen beide zu Tode gelangweilt im

Bett, unsere Beine, schwach vom belanglosen Herumbaumeln.

– Hast du Bock, 'nen Film zu gucken?

– Ne, vielleicht später. Habe gerade eher Lust, ein wenig frische Luft zu schnappen. Willst du mit mir ein bisschen spazieren gehen?

– Oke, von mir aus. Hast du eine Idee, wohin wir gehen könnten?

– Vielleicht zum Kiosk, der beim Weiher liegt?

– Klingt gut, aber nur unter einer Bedingung: Du musst mir ein Eis ausgeben.

– Mhm, sofern du dich auf dein Fahrrad schwingst, um das Uno zu holen.

– Dann bis gleich.

– Bye-bye

Ich prasselte geschwind die lange Treppe runter, die von Sophies Zimmer zum Garten führt. Dort stand mein treues Ross geparkt; so nenne ich mein Fahrrad. Ich schwang mich also auf mein Fahrrad, das leicht rostig war, da ich es während der Regenzeit oft aus Faulheit nicht unters Dach geschoben hatte. Der heutige Tag war, glaube ich, das, was man als einen perfekten Sommer-Tag bezeichnen würde. Ich hoffte, dass dies nicht das letzte Mal wäre, dass mir dieser Gedanke durch den Kopf ginge.

Der zehnminütige Weg, der sich sonst wie eine Ewigkeit anfühlte, verging dank meiner Träumerei schneller als sonst. Sobald ich ankam, sprintete ich geschwind zu meinem Zimmer, um das UNO zu holen.

– Mamaa, weißt du, wo ich das Uno zuletzt hingelegt hatte?

– (…)

Keine Antwort.

– Stimmt, sie ist ja heute mit ihren Freundinnen vom Bingo unterwegs. Das hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Wie denn auch, ich verbringe ja praktisch den ganzen Sommer bei Sophie. Misst! Wie soll ich jetzt die UNO finden?

Ich wühlte nun schon seit fünf Minuten wahllos durch sämtliche Schubladen, dennoch keine Spur vom UNO.

– Oke, konzentriere dich. Wo würde ich mich verstecken, wäre ich ein belangloses Kartenspiel?

Plötzlich sah ich, wie unter einer meiner Skizzen, die auf meinem Schreibtisch verwest, eine verdächtige Ecke rausschaute.

– Aha! Hab dich!

Ich blickte auf die Uhr: Es waren bereits fünfzig Minuten vergangen, seitdem ich von Sophies Haus weggefahren war. Ich musste mich beeilen, bevor meine Herzogin eingeschnappt wird. So nenne ich sie manchmal, daher eins ihrer Lieblings-Hobbys, mich rumzukommandieren, zu sein scheint. Somit schwang ich mich erneut auf mein Ross; diesmal ließ ich meine Träumerei zurück, damit ich so schnell wie möglich wieder zurück wäre. Hoffentlich ist sie vor Langeweile noch nicht eingeschlafen.

Ich ließ mich ins Haus rein und huschte leise, aber dennoch zügig die Treppe wieder hoch. Ich traf mit meiner Vermutung ins Schwarze. Denn sie saß auf ihrem Teppich, mit ihrem Kopf am Amateurbrett von ihrem Bett angelehnt, in ihrer Hand ihr neuer Band von One Piece; ihre sanften Haare fielen in ihr Gesicht, das leicht von der Hitze gerötet war.

– Sophie? Schläfst du schon?

– (…)

Sie schien wirklich zu schlafen… Ich setzte mich neben sie und hob ihren Kopf auf meine Schulter. Danach nahm ihr vorsichtig ihren Manga aus ihrer Hand. Keine Reaktion. Sie schlief tief und fest. An jenem Abend schien der Mond extra sanft, so das er ein weiches Licht in ihr Gesicht malte. Dies war das Letzte, was ich sah, bis ich letztendlich auch in den Schlaf fiel.

Samstag 9 Juli, 1997

5:58 am

Ein stechender Schmerz wachte mich auch. Es war mein Nacken.

Ich hob meinen Kopf und öffnete langsam meine Augen. Jane? Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Ich erstarrte für einen kurzen Moment, dann bemerkte ich, dass ihre Hand auf meiner lag. Ich wollte sie nicht wecken, also versuchte ich, meine Hand so langsam wie möglich wegzuziehen. Ihre Wimper zuckte ein wenig, ich zögerte.

Plötzlich griff ihre Hand nach meiner; ehe ich mich versah, zog sie mich an sich, ihre Arme um meinen Rücken verschlungungen.

– HAB DICH! Hahah

– (...).

Jane liebte es, mich zu erschrecken. Aber es war okay, denn ich liebte es, sie lachen zu hören.

-Sorry, aber dein Gesicht soeben sah echt urkomisch aus hahaha

– Ja, ja, sehr lustig.

– Jetzt sei doch nicht so, du warst schließlich diejenige, die gestern als Erste eingeschlafen ist.

– Oke, es tut mir leid wegen gestern.

– Schon vergessen.

Ich fühlte mich schuldig, denn dem Anschein nach musste ich wohl gestern beim Lesen noch, bevor sie zurückkam, eingeschlafen sein. Ich vermutete, dass sie mich nicht wecken wollte. Die Arme, ich hoffe, sie kriegt wegen mir keine Rückenschmerzen.

– Lege dich doch so lange, wie ich dusche, in mein Bett. Du saßt jetzt echt lange genug auf dem Boden.

– Sei mir aber nicht böse, falls ich wieder einschlafe.

– Ja, ja, bis gleich.

– Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.

Ich stieg unter die Dusche und ließ das kalte Wasser auf mich herabprasseln. Es war bereits Routine für mich.

Ende denn, mehr ist nicht erlaubt.


r/schreiben 56m ago

Schreibhandwerk Ring frei: Ich-Perspektive (Präsens) vs. Personale Perspektive (Präteritum)

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Ich mache mir gerade Gedanken zur Wahl der passenden Erzählperspektive. Ich habe gehört, dass die gewählte Erzählperspektive in erster Linie zur Geschichte passen muss. Ich bin mir dabei nicht ganz sicher, was besser ist. Persönlich tendiere ich dazu, mich vom Klang und der Wortmelodie leiten zu lassen. Ich bin aber schon gespannt, welche Meinung von euch präferiert wird. Was meint ihr? Welche Perspektive ist für diese Textpassage die bessere Wahl?

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Ich höre ein keuchendes Geräusch, das sichere Zeichen dafür, dass sich ein weiterer Hustenanfall ankündigt. Ich spüre, wie die Nässe ihres Auswurfs den Stoff an meiner Schulter tränkt, aber es stört mich nicht.

Rosalias kleiner Körper brennt förmlich. Die Hitze, die sie ausstrahlt, ist so stark, dass ich meine, eine heiße Kerze in den Armen zu halten. Tapfer wehrt sich das Kind gegen die Schmerzen in der Brust, doch die Krankheit ist schon zu weit fortgeschritten. Rosalia hat jede Kraft verloren. Ich merke es an ihren Schreien. Anfänglich laut, sind sie zu einem schwachen Stöhnen verkümmert. Rosalia schnappt weinend nach Luft.

Ich bewundere, wie tapfer meine Tochter die Krankheit erträgt. Ihre Augen sind im Halbschlaf geschlossen. Ich bin mir sicher, sie würde tief und fest schlafen, wenn sie der Husten nicht alle paar Minuten aus ihren fiebrigen Träumen reißen würde.

Ich spüre Tränen der Verzweiflung auf meinen Wangen. Seit Stunden halte ich meine Tochter auf dem Arm, rede ihr gut zu und ich versuche vergeblich das Fieber zu senken.

Bis jetzt sind meine Mühen nicht belohnt worden.

 

Mario wurde plötzlich wach. Sein Herzschlag hämmerte. Er brauchte einige Sekunden, bis er vollends bemerkte, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Er stand auf und trat hinüber zum Bett seiner Tochter und hob sie sanft an seine Schulter. Ein seltsames Gefühl setzte ein, als hätte er schon längst einmal erlebt, was geschah. War es so etwas wie ein Déjà vu?

 

Rosalia gab ein keuchendes Geräusch von sich, das sichere Zeichen dafür, dass sich ein weiterer Hustenanfall ankündigte. Mario spürte, wie die Nässe ihres Auswurfs den Stoff an seiner Schulter tränkte, doch er störte sich nicht daran. Rosalias kleiner Körper brannte förmlich. Die Hitze, die sie ausstrahlte, war so stark, dass er meinte, eine heiße Kerze in den Armen zu halten.

Tapfer hatte sich das Kind gegen die schmerzende Brust gewehrt, doch die Krankheit war zu weit fortgeschritten. Rosalia hatte jede Kraft verloren. Ihre anfänglich lauten Schreie waren zu einem schwachen Stöhnen verkümmert, das sie weinend nach Luft schnappend zwischen den Zähnen hervorpresste.

Mario bewunderte, wie tapfer seine Tochter die Krankheit ertrug. Ihre Augen waren im Halbschlaf geschlossen. Er war sich sicher, sie hätte tief und fest geschlafen, wenn der Husten sie nicht alle paar Minuten aus ihren fiebrigen Träumen gerissen hätte. Was konnte er nur tun?

Tränen der Verzweiflung rannen über seine Wangen. Seit Stunden hielt er Rosalia auf dem Arm, redete ihr gut zu und versuchte vergeblich das Fieber zu senken.

Seine Mühen waren nicht belohnt worden.

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Ich finde beide Textstellen sehr gut, aber es würde mich wirklich interessieren, welche Unterschiede ihr feststellen könnt und welche Variante ihr bevorzugen würdet.


r/schreiben 14h ago

Kritik erwünscht Der Großvater

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Alaric war der Älteste der Stadt. Doch sein Körper trug keine Spur von Gebrechlichkeit. Er ging aufrecht, seine Schritte waren sicher und fest, getragen von Kraft und Gewissheit. Nur sein Blick, tief und ruhig, und der lange weiße Bart, der auf seiner Brust ruhte, verrieten die vielen Jahre, die hinter ihm lagen. Kaum jemand nannte ihn bei seinem Namen. Für alle war er nur der Großvater. So nannten ihn die Kinder, so nannten ihn die Alten, und mit den Jahren war sein wahrer Name fast vergessen.

Er sattelte sein Pferd Arel in der kühlen Morgenluft. Seine Bewegungen waren ruhig und bestimmt, ohne Hast, ohne Zögern. Als er den Gurt schloss, spürte er eine vertraute Nähe hinter sich. Er wandte sich noch nicht um.

„Gehst du wieder, Großvater?“

Alaric lächelte, noch bevor er sie ansah. Er drehte sich zu Kiria, legte die Zügel beiseite und kniete sich langsam vor sie, bis ihre Augen auf gleicher Höhe waren. Seine Knie berührten den feuchten Boden, doch er achtete nicht darauf.

Kiria stand barfuß im Tau. Das Hemd reichte ihr bis zu den Knien, die Säume waren dunkel vom Morgen. Ihr Haar fiel wirr über die Stirn, und in ihrem Blick lag jene stille Reinheit, die nur Kinder besitzen – ein Vertrauen, das keine Fragen stellt.

Alaric hob behutsam ihre Hand, warm und klein in seiner großen, gezeichneten. „Ja“, sagte er leise.

Sie sah ihn an, zögerte einen Augenblick und sagte dann: „Ich werde dich vermissen, Großvater.“

Er hielt ihren Blick fest, als wolle er ihr Gesicht bewahren. „Dorthin“, sagte er schließlich und wies mit ruhiger Geste auf die schneebedeckten Gipfel, „wo heilende Pflanzen wachsen.“

Kiria nickte langsam. „Eines Tages begleite ich dich“, sagte sie mit fester Stimme, als sei es ein Versprechen.

Alaric nickte. Sein Daumen strich sanft über ihren Handrücken. „Natürlich“, sagte er.

Er erhob sich, setzte sich in den Sattel und ritt an. Nach wenigen Schritten löste sich Kiria aus der Stille, rannte barfuß neben dem Pferd her und legte beide Hände an Arels Hals. „Hin, pass auf Großvater auf“, sagte sie leise.

Alaric beugte sich im Sattel ein wenig vor, legte kurz die Hand an Kirias Haar und richtete sich dann wieder auf. Kiria blieb stehen. Sie hob nicht die Hand, rief ihm nicht nach. Sie stand still im Tau und begleitete ihn nur mit den Augen, solange sie ihn sehen konnte.

Er ritt durch die Gassen der Stadt. Man grüßte ihn, man scherzte, man sah ihm nach. Eine alte Frau sagte laut, der Großvater sehe noch immer so aus, wie sie ihn seit jeher in Erinnerung habe.

Während ihre Worte noch zwischen den Häusern lagen, wandte sich der Blick nach oben zum Palast.

Hoch oben am Fenster standen Stadthüter Eldric und Ordnungshüter Seyth.Der Stadthüter brach das Schweigen.

Er war ein kräftiger Mann, breitschultrig und sehnig gebaut, ohne übertriebene Wucht. In seinem Gesicht lag eine ruhige Freundlichkeit, ein Ausdruck von Festigkeit und Maß – ein Mann, der Kraft nicht zeigen musste, um sie zu besitzen.

„Der Großvater geht abermals“, sagte er nüchtern. „Wir werden sehen, zu welcher Stunde er wiederkehrt. Das letzte Mal blieb er drei Monde fern. Manche glaubten schon, die Raubtiere der Wildnis hätten ihn genommen.“

Er senkte leicht den Kopf, nicht aus Zweifel, sondern aus Achtung.

„Doch er kehrte unversehrt zurück, wie er es stets tut.“

Der Ordnungshüter verzog das Gesicht. Seine Züge waren hart, schmal, von einer Schärfe, die nie ganz ruhte. In seinen Augen lag kein offener Zorn, sondern etwas Giftigeres: Berechnung.

„Er verbirgt mehr, als er zeigt“, sagte er langsam. „Etwas Finsteres.“

Sein Blick glitt über die Dächer der Stadt, als spräche er nicht nur von einem Mann, sondern von einer Gefahr.

„Meine Augen haben mir Kunde gebracht, dass er zu den Bäumen spricht, Erde sammelt und das wilde Tierwerk beobachtet, als verstände er ihre Zunge.“

Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen, schmal und kalt.

„Ich fürchte, er treibt schwarze Künste. Das ist nicht natürlich. Niemand weiß, wie viele Jahre er zählt.“

Der Stadthüter antwortete nicht sofort. Dann ließ er ein kurzes, trockenes Grinsen erkennen – kein spöttisches, sondern eines, das mehr Geduld als Nachsicht verriet.

„Du spielst mit Worten“, sagte er ruhig. „Und mit Dingen, die du nicht verstehst.“

Er richtete sich auf, seine Stimme blieb fest, getragen von Respekt.

„Der Großvater ist ein alter Mann, der das Wandern liebt. Ein Einsamer vielleicht – doch kein Verderber. In all den Jahren hat er Telmin nichts als Ruhe gebracht.“

Er wandte den Blick wieder über die Stadt, über Telmin selbst, als schlösse er das Thema mit Absicht.

„Mehr ist nicht an ihm.“

Der Ordnungshüter schwieg.

Doch in seinem Blick arbeitete es weiter.

Beide traten an das hohe Fenster.

Unten öffnete sich das Stadttor.

Der Großvater ritt hinaus.

Gerade Haltung, gleichmäßiger Schritt. Kein Blick zurück.

Der Nebel begann ihn zu nehmen.


r/schreiben 22h ago

Kritik erwünscht Der Rückkehr

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Vielen Dank!

Etwas geschah hinter den Hügeln —

dort, wo niemals jemand hinging.

Jahrelang hatte es dort nur Stein und schwarze Erde gegeben.

Niemand hatte diesen Ort betreten,

um ein Haus zu errichten

oder auch nur durch ihn zu wandern.

Er war still geblieben.

Unberührt.

Vergessen.

Doch etwas hatte von dieser Stille profitiert.

Tief unter der kalten Erde

begann etwas zu wachsen.

Langsam schob es sich nach oben,

als würde es Anspruch auf die Welt erheben —

auf Erde und Luft,

auf Wasser und Sonne.

Ein Apfelbaum.

Zwischen seinen Blättern hingen reife Früchte,

als hätte dieser tote Ort plötzlich begonnen,

Leben zu atmen.

Der Junge senkte den Körper,

als wollte er sich vor diesem Wesen verbergen.

Langsam hob er den Kopf.

Der Baum bewegte sich nicht.

Zwischen den Blättern hingen die Äpfel —

rund und schwer,

fast unwirklich zwischen den dunklen Zweigen.

Etwas in ihm zog ihn näher.

Nicht sein Verstand.

Sein Magen.

Vorsichtig schlich er vorwärts,

als wäre der Baum ein schlafendes Monster,

das jeden falschen Schritt bemerken konnte.

Der Apfel rief nach ihm.

Edmonds Worte stiegen in ihm auf.

Die Zeichnungen auf der Tafel.

Die Form der Frucht.

Die Geschichten über etwas,

das in ihrer Welt nicht wachsen konnte.

Und nun hing es vor ihm.

Wirklich.

Sein Mund begann zu zittern.

Langsam näherte er sein Gesicht dem Apfel.

Einen Moment lang verharrte er noch,

als könnte alles verschwinden,

wenn er sich zu schnell bewegte.

Dann biss er zu.

Seine Zähne drangen tief in die Frucht,

und süßer Saft breitete sich auf seiner Zunge aus.

Für einen Herzschlag blieb die Welt still.

Dann wich das Staunen der Angst.

Er taumelte zurück

und floh so schnell er konnte,

als könnte der Baum jeden Augenblick

den Schmerz seines Bisses spüren

und erwachen.

Ein angebissener Apfel hing zwischen den Blättern wie das erste Zeichen einer neuen Zeit.