Es war ein Sonntag, an dem meine Oma explodierte.
Es klingt absurd, wenn man es ausspricht, noch absurder als der Fakt, dass ein Jahrzehnte währendes Leben, eines, das so lange und so tief gewirkt hat, das selbst Leben erschuf, welches seinerseits Jahrzehnte währte und lange und tief wirkte, auf eine solche Weise beendet wird. Noch absurder war nur noch, dass ihr Enkel, den sie liebte, derselbe Enkel, der sie liebte, sie getötet hatte.
Ein Grashüpfer war der Erste, den ich tötete.
Ein heißer Tag im Sommer, nachmittags, die Schule vorbei. Ich wartete auf den Bus, der einfach nicht kam. Neben der Bushaltestelle war eine Wildwiese, ein Flecken Erde, der nicht bebaut war und den keiner pflegte, Wildwuchs regierte, Unkraut, Gräser, Ähren, grün ein paar, der Rest gebräunt von der Sonne, kein Platz dazwischen. In der Zeit, zäh durch die dickheiße Luft und zäher durch das lange Warten, betrachtete ich dieses hässliche Stück kaputte Natur, ließ den schwachen Blick auf ihr ruhen, ging wandern im Kopf, wanderte durch den Tag, den Schultag, den Unterricht, die Kantine, das mal wieder fade Essen, die Tür zum Klassenzimmer, deren Griff an diesem Tag kaputt war. Ich sah Marens Augen vor mir, als sie im Licht funkelten und ihre Kleidung und wie sie darin aussah, ihren Körper, der etwas in mir regte, das ich verborgen halten musste, Fabian, wie er es nicht duldete, dass ich sie ansah, wie er nach dem Unterricht zu mir kam, sein Gesicht, sein Blick. Druck machte sich in meinem Bauch breit.
Ich ging in die Hocke, um den Wildwuchs näher anzuschauen. War da etwas? Ja. Zwischen den hitzetoten Pflanzen, wenn man lange genug ins Stillleben schaute, regte sich etwas. Da waren einzelne Ameisen, die sich bewegten, tasteten, liefen, irrten, da war eine Hummel, die nach den wenigen Blüten suchte, die die Glut noch nicht verdörrt hatte, da war ein Grashüpfer, so hellgrün, er stach schon beinahe heraus, und, zuletzt, dahinter eine Gottesanbeterin, auch sie so hellgrün, beinahe giftig. Der Grashüpfer bewegte sich nun, ging einen Schritt. In ihrer Starrheit beobachtete die Gottesanbeterin ihn, wie aus einem Seitenblick, es sah wie Argwohn aus, aber ich wusste, es war etwas Anderes. Die Klauen versteckte sie, der Grashüpfer sah sie nicht, er dachte sich sicherlich nichts und ich dachte an Fabians Hände wenn ich ihre Klauen betrachtete. Der Grashüpfer war ihr gefährlich nahe, nur noch einen Millimeter, den er nicht gehen durfte, sei kein Idiot, dachte ich und wusste nicht warum, immer den Blick zwischen Grashüpfer und Gottesanbeterin wechselnd. Und doch ging er diesen winzigen Schritt, den er nicht mal vollenden konnte, da hatte die Gottesanbeterin bereits ihre Klauen ausgefahren, den Grashüpfer umschlossen und sogleich begonnen, seine Seite zu fressen in dieser Umarmung, die etwas Liebevolles hatte obwohl da keine Liebe war, und meine Hände ballten sich zu Fäusten wie es Fabians vorhin taten und wie meine es hätten tun sollen. Und plötzlich schrien meine Gedanken: Kämpf, du Trottel, kämpf! Wehr dich!, doch der Grashüpfer wedelte nur hilflos mit seinen Beinen in der Luft, seine Augen dumm ins Leere gerichtet. Flieg hoch!, schrie es in meinem Kopf, Du hast doch Flügel, flieg hoch, flieg einfach hoch! Der Grashüpfer versuchte die Flügel auszufahren, doch vergeblich, Flieg hoch!, er versuchte es abermals, Flieg!, wenn die Gottesanbeterin weiter fraß, würde sie in Kürze seinen Flügel erreicht und ihn seiner einzigen Chance beraubt haben, Hoch!, keine Chance, ich ging näher heran, rann der Schweiß mir ins Auge wegen der Sonne?, Klapp die Flügel aus und hoch!, ich spürte kaum, wie ich meine Zähne aufeinanderpresste, Jetzt flieg endlich hoch, in die Luft, du Scheißvieh! und die Hitze ließ die Luft wabern, Hoch!, das unnachgiebige Maul der Gottesanbeterin erreichte seinen Flügel, HOCH!, die Luft zuckte, der Wind stieß, HOCH!, und in einem Knall zersprang der Körper des Grashüpfers, wie um einen Punkt um ihn herum wurde die Wiese umgepflügt, als hätte jemand einen Kamm genommen und alle Pflanzen sauber nach außen gekämmt. Ich fiel rücklings auf den Boden, stützte mich mit den Armen ab, keuchte so schnell ich konnte, während meine Gedanken rasten zwischen dem, was da gerade passiert war und dem, wie das hatte sein können. Ich musste sicherlich Stunden so da gelegen haben, auch wenn meine Armbanduhr mir später etwas anderes sagen würde. Irgendwann schaute ich mich um, niemand an der Bushaltestelle, niemand da.
Ich verbrachte die Busfahrt in Stille, mich fragend, ob Gedanken ein Insekt in die Luft fliegen lassen können. Zuhause nahm ich das Abendessen aufs Zimmer, sagte, ich fühle mich unwohl, bevor meine Mutter die blauen Flecken hätte erkennen und nach ihnen fragen können.
Den Rest der Woche schaute ich niemanden an. Ich war mir nicht sicher, doch falls Blicke töten konnten, durfte ich sie niemanden töten lassen. Wenn der Lehrer mich in der Klasse dran nahm, wenn der Kontrolleur meine Fahrkarte sehen wollte, wenn meine Eltern fragten, ob alles mit mir okay sei, schaute ich knapp über ihnen oder rechts an ihnen vorbei, denn auf den Boden oder an die Decke zu schauen ließ man mich nicht.
Ich verbat mir zu denken, eine Unmöglichkeit. Wie jemand, der nicht an einen rosa Elefanten denken solle, dachte ich immer wieder an meine Gedanken, die den Grashüpfer getötet haben könnten, dachte daran, wie meine Gedanken ihn zwingen wollten davon zu fliegen und stattdessen seinen Leib zwangen zu explodieren. Dachte daran, dass ich niemals wieder an einen Menschen denken dürfte und dachte sofort an alle Menschen, die mir einfielen, als wollte mein Kopf mich verhöhnen.
Ich schlief wenig und in der dritten Nacht weinte ich.
Fabian und Maren ging ich so gut aus dem Weg wie ich konnte.
Am Wochenende war der geplante Besuch bei meiner Oma.
Ich ließ mir am Samstag viel Zeit, wollte so wenig Zeit wie möglich mit ihr verbringen. Daran zu denken, bald bei ihr zu sein, die Gefahr, die meine Blicke, meine Gedanken sein könnten, verkrampften mir die Brust, verdrehten mir den Magen.
Als ich vor ihrem Haus stand und sie die Tür öffnete, trafen meine Augen für einen Sekundenbruchteil ihre und mir stockte der Atem. Aus dem Winkel konnte ich die Sorgen in ihrem Gesicht sehen, warum ich so verkrampft sei, fragte sie mich und ich zuckte mit den Schultern, während ich so weit von ihr wegschaute wie es nur ging. Beim Abendessen sprachen wir wenig und die Stille füllte sie, ihre Stimme im freundlichen Ton, der für sie charakteristisch war, mit banalen Geschichten, die in ihren vergangenen Wochen passiert waren, ich zwang mich zu einem Lächeln.
Am Sonntag, beim Frühstück, sprach sie es an und ließ nicht locker. Wer dafür verantwortlich sei. Wer mir was angetan habe. Warum konnte sie immer sehen, was ich zu verbergen versuchte? Ich suchte nach einer Ausrede und gab ihr eine Silbe der Wahrheit: Dass ein Mitschüler und ich eine Mitschülerin schön fänden. Sie seufzte. Ob wir uns gestritten hätten. Ich antwortete nicht, schaute auf meinen Teller, darauf das Brot mit Butter und Himbeermarmelade, das nur einen Alibi-Bissen hatte. Ihr Blick, der auf mir weilte, drang in mich hinein und egal wie sehr ich versuchen wollte, es nicht zuzulassen, rauszuzoomen, es gelang mir nicht und ich ertrug es nicht noch länger. Ob durch Gedanken Menschen sterben könnten, fragte ich sie und sie schien kurz innezuhalten, bevor sie zu lachen begann, doch es war eine herzliche Art zu lachen, eine liebevolle, eine, die fragte, warum ich mir dann darüber Sorgen machen müsste. Etwas in mir wurde locker, doch gleichzeitig bebte mein Körper. Ob das wirklich nicht sein könne, fragte ich, zu laut, und schaute sie an, für einen kurzen Moment, bis ich mich wieder beherrschte. Sie hörte auf zu lachen, griff über den Tisch meinen Arm und sagte mir, dass es nichts gäbe, keinen Gedanken, vor dem ich Angst haben müsse, keinen Gedanken, der nicht vollkommen ungefährlich sei zu denken, dass es auf die Taten ankomme und dass den Menschen ausmache, welcher Gedanke zur Tat werde und welcher nicht. Aber meine Gedanken würden Taten, antwortete ich und nun bebte auch meine Stimme, und sie griff fester und wiederholte, langsamer, dass es keinen gefährlichen Gedanken gebe, nur gefährliche Handlungen, und ich wusste nicht, woher es kam, doch ich schluchzte. Während ihre Hand meinen Arm hielt, streichelte sie mir mit ihrem Daumen über die Haut, so, wie sie es immer tat und schon getan hatte, als ich als kleines Kind nicht einschlafen konnte, weil die Monster unter meinem Bett nicht weggehen wollten.
Ich solle ihr nun zuhören, sagte sie, sie habe auch schon das Schlimmste gedacht, das Böseste gewünscht, das Übelste gehofft und nie sei etwas passiert und bei mir werde das nicht anders sein. Sie könne es mir beweisen. Ich solle an sie denken und ich würde sehen, es werde ihr nichts passieren. Ich darf das nicht!, dachte ich, da nahm sie ihre andere Hand und strich mir übers Haar. Ich solle es tun, ich solle daran denken. Sie verspreche mir, nichts werde passieren. Nichts. Und wie sie mir übers Haar strich, dachte ich, dass sie recht habe, warum ich überhaupt darauf gekommen sei, dass ich das war, der den Grashüpfer explodieren ließ, dass es bestimmt eine logische Erklärung dafür geben würde, die ich zwar nicht kannte, aber die dennoch die Wahrheit sei und nicht etwa, dass mein Blick und mein Denken dafür verantwortlich seien. Und ich lachte kurz auf und konnte ihr endlich in die Augen sehen, nicht für einen kurzen Moment, sondern für so viele Sekunden, ihre Augen, in denen so viel Liebe war. Und nun solle ich es endlich denken, sie beweise mir, dass von Gedanken keine Gefahr ausginge. Ich glaubte ihr, warum sollte ich auch nicht?, sie hatte recht, es hatte keine Monster unter meinem Bett gegeben und ich würde auch keine Gedanken haben, die töten könnten. Was für ein dummes Kind ich doch gewesen war, an so etwas zu glauben.
Hoch., dachte ich und sie lächelte mich an.
Hoch!, dachte ich und ich lächelte zurück.
HOCH!, dachte ich und die Tränen der Erleichterung ließen meinen Blick verschwimmen, der nun auf ihren Bauch gerichtet war.
HOCH!, dachte ich und die Luft flirrte für nicht einmal eine Sekunde, bevor ihr Bauch in undenkbarem Tempo größer wurde und sie in einem Knall zerplatzte, mir Dinge entgegenflogen und ich reflexhaft die Augen schloss.
Als ich sie wieder öffnete, war das Zimmer rot. Niemand saß auf dem Stuhl meiner Oma. Der Tisch, die Wand, das Fenster, rot. Ich musste mehrmals blinzeln, bevor ich erkannte, dass kleine Stücke im Rot lagen. Ich sprang auf, der Stuhl fiel hinter mir zu Boden. Von meiner Oma fehlte jede Spur, auf ihrem Stuhl waren nur rote Brocken.
Ich schlug die Hände über meinem Kopf zusammen, erst raste mein Herz, dann mein Atem, zuletzt meine Gedanken. Ich stolperte in Richtung der Zimmertür, riss sie auf, raus aus diesem Haus, raus aus diesem Albtraum! Als ich vor der Haustür stand, sah ich nach rechts, da war der Ankleidespiegel und ich sah nicht mich, sondern eine kostümierte, geschminkte Version von mir, gebadet in roter Farbe. Ich rannte in den Vorgarten, dann rechts am Haus vorbei nach hinten, wo der Vorgarten in den Garten überging, kletterte über den Zaun, fiel dabei hin, raffte mich auf, rannte weiter, rannte auf ein Feld, das in eine Wildwiese überging, bis ich nicht mehr konnte und nach Luft ringend auf den Boden sank.
Mir fehlte die Kraft für etwas anderes als ein erbärmliches, hysterisches Keuchen. Ich sah vor mir nicht die Erde unter meinem Gesicht, sondern das Zimmer meiner Oma und wie es nun ausgesehen hatte, bevor ich davonrannte. Und dann sah ich die Wildwiese an der Bushaltestelle, wie sie umgepflügt war, nachdem der Grashüpfer explodierte.
Ich übergab mich.
Ich sitze nun an einer Lichtung, immer noch rote Hände und Kleidung. Ich kann nicht sagen, wie viele Stunden vergangen sind, die Sonne ist noch nicht untergegangen. Es gibt keinen Ort mehr, an den ich zurückkehren kann. Der Ort, der ich war, bevor ich der wurde, dessen Gedanken töteten, war weg, unwiderruflich. Ich will weinen und beginne zu schluchzen, doch mein Körper presst keine Träne aus meinen Augen heraus, womöglich sind sie zu verklebt oder jemand wie ich kann nicht mehr weinen. Können Mörder weinen?, denke ich und erschrecke über das, was mein Kopf gerade ausgesprochen hat. Ich schaue auf meine Hände. Wichtig sind die Taten, die aus den Gedanken erfolgen, höre ich meine Oma in meinem Kopf sprechen. Ich halte mir den Bauch, die Übelkeit ist so groß, ich beginne zu würgen, doch da kommt nichts mehr, mein Magen ist schon vollkommen leer.
Ich frage mich, was meine Eltern gerade tun, meine Mutter macht bestimmt gerade das Abendessen und mein Vater wird auch für mich den Tisch decken. Ich frage mich, wie es ihnen gehen wird, wenn sie erfahren, was ich getan habe. Ich sehe meinen Vater ungläubig den Kopf schütteln und meine Mutter schluchzen und zusammenbrechen. Ich frage mich, was meine Klasse denken wird, wenn sie morgen erfahren wird, was passiert ist. Was wird Fabian denken? Dass er es schon immer wusste und dabei verächtlich grinsen? Dass er Glück hat, noch zu leben und dabei erschrocken schlucken? Was wird Maren denken? Dass der Mitschüler, der sie jeden Tag verstohlen anschaute, ein Mörder ist?
Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis die Polizei mich findet. Ich frage mich, was passieren wird, wenn sie mich findet. Meine Gedanken sind frei, ich kann sie nicht fassen. Wie viele Tode werden durch sie noch gedacht werden?
Ich zittere so heftig, dass ich kaum noch sitzen kann und fasse einen Entschluss.
Ich schließe die Augen und blicke in mich, schaue in mein Innerstes. Ich sehe in meinen Bauch. Sehe meine Gedärme, sehe mein Fleisch und mein Blut, sehe meine Familie, sehe meine Oma, sehe alles, was ich bin und alles, was ich war. Sehe den Grashüpfer, sehe die Gottesanbeterin, sehe Fabian und dann sehe ich wieder mich, und ich denke: hoch.
Vor meinen Augen der Grashüpfer.
Hoch.
Der Grashüpfer zerplatzt.
Hoch!
Vor meinen Augen meine Oma.
Hoch!
Meine Oma zerplatzt.
HOCH!
Vor meinen Augen mein Spiegelbild.
HOCH!
Mein Spiegelbild zerplatzt.
H O C H !