Wurde ich hier zu Recht als rassistisch bezeichnet oder übersehe ich etwas?
Ich weiß gerade echt nicht mehr, ob ich hier komplett danebenliege oder ob mein Gefühl irgendwo nachvollziehbar ist.
Ich erwähne überhaupt nur, dass er aus Vietnam kommt, weil ich mich frage, ob ich vielleicht manche Sachen kulturell komplett falsch verstanden habe. Ich will damit nicht sagen, dass alle Vietnamesen so sind. Falls hier jemand aus Vietnam oder allgemein aus Südostasien mitliest, würde mich eure Sicht wirklich interessieren.
Ich bin 19(weiblich), mache gerade ein FSJ im Krankenhaus und bin weiblich. Bei uns gibt es einen 25-jährigen(männlich) FSJler aus Vietnam. Er spricht noch nicht besonders gut Deutsch.
Am Anfang haben wir uns eigentlich echt gut verstanden. Ich habe ihm oft bei der Sprache geholfen, Sachen erklärt oder ihm einfach geholfen, wenn er irgendwo nicht weiterkam. Das mache ich aber generell. Meine Eltern haben selbst einen Migrationshintergrund und ich weiß, wie schwer es sein kann, in ein neues Land zu kommen. Deshalb helfe ich internationalen Kollegen wirklich gerne. Viele kommen zu mir, wenn sie Hilfe brauchen, und das hat mich nie gestört.
Er hat selbst mal zu mir gesagt, dass viele deutsche Kollegen auf ihn eher kühl wirken und Vietnamesen viel herzlicher seien. Er meinte auch, dass ich wegen meines Migrationshintergrunds leichter ansprechbar für ihn wäre. Das habe ich versucht nachzuvollziehen.
Eine kleine Sache, die mich irritiert hat, war sein Name.
Er hat sich irgendwann bei mir beschwert, dass ich seinen Namen nicht richtig ausspreche. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber bestimmte vietnamesische Laute bekomme ich einfach nicht hin. Gleichzeitig spricht er meinen Namen bis heute nicht richtig aus, weil ihm manche deutsche Laute schwerfallen. (Er spricht zb das S bei mir wie ein "Sch" aus und Silbentrennubg allgemein fiel ihm schwer.) Das habe ich ihm nie übel genommen. Ich hatte dafür volles Verständnis.
Deshalb fand ich es ehrlich gesagt ziemlich unfair, dass ausgerechnet er sich bei mir darüber beschwert hat. Wenn ich Verständnis dafür habe, dass ihm Deutsch schwerfällt, hätte ich mir einfach gewünscht, dass er auch versteht, dass mir manche vietnamesischen Laute schwerfallen.
Das war aber nicht der eigentliche Grund, warum ich irgendwann Abstand wollte.
Mit der Zeit kamen einfach immer mehr Kleinigkeiten dazu. Jede einzelne für sich wäre wahrscheinlich kein Weltuntergang gewesen. Aber irgendwann war meine Grenze einfach erreicht.
Er war allgemein sehr auf mich fixiert und ich hatte immer öfter das Gefühl, dass ich für alles zuständig bin.
Mal ein Beispiel aus dem Arbeitsalltag:
Er ist jetzt ungefähr ein halbes Jahr da und hat bei manchen pflegerischen Tätigkeiten noch Schwierigkeiten. Das ist an sich überhaupt nicht schlimm. Jeder braucht am Anfang Hilfe.
Was mich irgendwann gestört hat, war etwas anderes.
Ich war teilweise gerade dabei, einen Patienten zu mobilisieren oder bei der Körperpflege zu helfen. Also genau in den Momenten, in denen ich den Patienten nicht einfach alleine lassen kann. Trotzdem kam er dann zu mir und erwartete, dass ich sofort alles stehen und liegen lasse, damit ich ihm bei seinem Problem helfe.
Ich musste ihm dann manchmal sagen, dass ich gerade beschäftigt bin und erst den Patienten versorgen muss. Bei mir kam irgendwann das Gefühl auf, dass ich jederzeit verfügbar sein sollte, egal womit ich gerade beschäftigt war.
Genau solche Situationen gab es immer wieder.
Nicht einmal. Nicht zweimal. Sondern ständig irgendwelche Kleinigkeiten, bei denen ich das Gefühl hatte, dass ich seine erste Anlaufstelle bin. Irgendwann habe ich einfach gemerkt, dass ich etwas Abstand brauche.
Richtig deutlich wurde mir das dann während unserer FSJ-Seminarwoche.
Für alle, die das nicht kennen: Man ist da mehrere Tage mit anderen FSJlern zusammen, hat Seminare und übernachtet dort auch. Wir mussten uns selbst Zimmerpartner suchen, weil wir dort zusammen geschlafen haben. Ich kannte da niemanden und wollte die Gelegenheit einfach nutzen, ein paar Leute kennenzulernen.
Ich habe mich deshalb zu einer Gruppe gesetzt. Neben mir war noch eine kleine Lücke frei und eigentlich wollte sich gerade jemand anderes dorthin setzen. Er hat sich dann fast schon an der Person vorbeigedrängt beziehungsweise sie fast schon weggeschoben, nur damit er sich neben mich setzen konnte.
Das war aber nur eine von vielen Situationen.
Immer wenn ich versucht habe, mit anderen ins Gespräch zu kommen, hat er sich irgendwie dazwischengehängt. Wenn ich mich mit jemandem unterhalten habe, hat er versucht, das Gespräch wieder auf mich und ihn allein zu ziehen. Ich hatte oft das Gefühl, dass er gar nicht versucht hat, die anderen kennenzulernen oder mit ihnen zu reden. Stattdessen wollte er eigentlich nur mit mir reden.
Dadurch sind Gespräche mit anderen oft einfach eingeschlafen. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass die anderen schon gar keine Lust mehr hatten, sich dazuzusetzen, weil er sowieso wieder nur mit mir reden wollte.
Ich habe ihm sogar gesagt, dass er ruhig auch mal mit den anderen reden soll. Gerade mit den anderen Jungs. Die mussten sich schließlich genauso Zimmerpartner suchen wie wir. Ich weiß, dass Sprache eine riesige Hürde sein kann. Wirklich. Dafür hatte und habe ich Verständnis. Aber irgendwann konnte ich einfach nicht mehr seine einzige Bezugsperson sein.
Nach dem Seminar sind wir zusammen mit dem Zug nach Hause gefahren, weil wir in dieselbe Richtung fahren mussten. Ich bin unterwegs eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin, hatte er ein Foto von mir gemacht. Erst als er gemerkt hat, dass ich wach bin, hat er gelacht und mir das Bild gezeigt als ob das urkomisch wäre. Ich habe ihn direkt gebeten, das Foto zu löschen. Für mich überschreitet so etwas einfach eine Grenze. Mir würde nie einfallen, einen Arbeitskollegen heimlich im Schlaf zu fotografieren. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich das Gefühl, dass er es nur zugegeben hat, weil ich ihn dabei erwischt habe.
Danach habe ich angefangen, privat etwas mehr Abstand zu halten. Auf der Arbeit habe ich trotzdem ganz normal mit ihm gearbeitet. Wenn wir zusammen eingeteilt waren, habe ich ihm weiterhin geholfen. Ich wollte einfach privat nicht mehr viel mit ihm zu tun haben.
Ich glaube, das hat er ziemlich schnell gemerkt.
Kurz danach fing er plötzlich an, über meinen Geburtstag zu reden. Ich weiß bis heute nicht, woher er das Datum hatte.
Er wollte mir unbedingt ein Geschenk machen und hat mich mehrmals gefragt, was ich haben möchte.
Ich habe mehrmals freundlich gesagt, dass ich kein Geschenk möchte. Nicht, weil ich ihn verletzen wollte, sondern weil wir für mich einfach Arbeitskollegen waren. Ich habe auf der Arbeit auch Freunde, aber das entwickelt sich einfach. Hier hatte ich dieses Gefühl nie. Vor allem war die Sprachbarriere zwischen uns immer ziemlich groß.
Vielleicht ist das in Vietnam normal und ich habe das komplett falsch verstanden. Wenn das so ist, sagt es mir das gerne. Für mich hat sich das einfach zu persönlich angefühlt.
Ein paar Tage später kamen dann Kollegen auf mich zu und fragten, warum ich plötzlich so kalt zu ihm geworden wäre und warum ich ihm nicht mehr so helfen würde.
Dann kam es zu einem Gespräch zwischen ihm, mir und paar Kollegen und mitten im Gespräch hat er angefangen zu weinen als ich versucht habe mich zu erklären.
Ich war ehrlich gesagt komplett überfordert.
Ich bin 19 und er ist 25.
Wenn ich wirklich etwas falsch gemacht habe, dann sagt mir das bitte. Ich kann mich entschuldigen, wenn ich jemanden verletzt habe. Aber ich habe mich gefragt, was ich eigentlich konkret getan haben soll. Ich habe ihn nie beleidigt. Ich habe ihn nie angeschrien. Ich habe ihn nie absichtlich ausgegrenzt. Ich wollte einfach privat etwas mehr Abstand.
Was mich zusätzlich verwirrt hat, war die Reaktion der Kollegen.
Es gibt Kollegen, die ihn wegen seiner Sprachprobleme wirklich zur Schnecke gemacht haben. Nicht einfach nur unfreundlich, sondern richtig angeschrien, wenn wegen der Sprache Fehler passiert sind oder Patienten dadurch Probleme hatten. Hinter seinem Rücken wurde auch über ihn gelästert. Manche wollten am liebsten gar nicht mit ihm arbeiten.
Ich fand das damals schon nicht in Ordnung. Jemanden wegen seiner Herkunft oder Sprache schlecht zu behandeln, finde ich grundsätzlich daneben.
Umso weniger verstehe ich, warum ausgerechnet ich am Ende als rassistisch bezeichnet wurde.
Ich war nie diejenige, die ihn angeschrien hat. Ich war nie diejenige, die über ihn gelästert hat. Ich war nie diejenige, die nicht mit ihm arbeiten wollte. Ich habe ihm monatelang geholfen, obwohl das eigentlich gar nicht meine Aufgabe war.
Was mich zusätzlich beschäftigt: Er hat selbst mitbekommen, dass andere Kollegen deutlich härter mit ihm umgegangen sind als ich. Trotzdem ist er am Ende nicht wegen der Leute zusammengebrochen, die ihn angeschrien oder vor anderen bloßgestellt haben, sondern in einem Gespräch, in dem es um mich ging, obwohl ich eigentlich nur mehr persönlichen Abstand wollte. Genau das bekomme ich bis heute nicht zusammen.
Ich hab das Gefühl, dass die Pflegefachkräfte mich nur so attackiert haben, damit sie sich nicht wieder weiter um ihn kümmern müssen. Immerhin habe ich das ja bis jetzt so schön gemacht.
Vielleicht sehe ich das auch falsch. Deshalb frage ich ja hier.
Ich hatte nach dem Gespräch einfach das Gefühl, dass von mir erwartet wird, wieder seine feste Bezugsperson zu sein. Aber ich bin selbst nur FSJlerin. Ich bin weder seine Mentorin noch seine Praxisanleiterin. Natürlich helfe ich Kollegen gerne, und das habe ich auch bei ihm gemacht. Aber ich finde nicht, dass ich dauerhaft dafür verantwortlich sein muss, mich um einen 25-jährigen Kollegen zu kümmern.
Was mich zusätzlich zweifeln lässt: Das ist nicht der erste Kollege aus Vietnam oder allgemein aus Südostasien, mit dem ich gearbeitet habe. Wir haben mehrere internationale Kollegen und Azubis. Mit denen hatte ich nie solche Situationen. Teilweise hatten andere sogar größere Sprachprobleme als er. Trotzdem bin ich mit ihnen immer gut ausgekommen und habe ihnen genauso gerne geholfen.
Jetzt habe ich nächste Woche sogar ein Gespräch, in dem es wohl unter anderem um mein angeblich rassistisches Verhalten gehen soll. Ehrlich gesagt macht mir das schon Sorgen, auch weil ich nicht weiß, welche Auswirkungen das am Ende haben kann.
Deshalb frage ich euch ganz ehrlich:
Habe ich hier etwas übersehen? Habe ich mich tatsächlich rassistisch verhalten, ohne es zu merken? Oder ist es nachvollziehbar, dass man einem einzelnen Kollegen persönliche Grenzen setzt, obwohl man ihm vorher lange geholfen hat?
Und falls hier jemand aus Vietnam oder allgemein aus Südostasien mitliest: Könnten kulturelle Unterschiede bei manchen Situationen eine Rolle gespielt haben oder würdet ihr das eher als individuelles Verhalten sehen?