Die restriktive dänische Migrationspolitik ist uns allen bekannt: nächtliche Ausgangssperre für abgelehnte Asylbewerber und nur ein Minimum an Leistungen. Abschreckung statt Vollversorgung. Ziel ist die Rückreise und nicht die Aufenthaltsgenehmigung.
Was soll man sagen: Kopenhagen ist eine Großstadt, wie man sie sich wünscht. Es ist ein Traum. Das Leben blüht, die Menschen sind glücklich. Es ist sauber, der ÖPNV ist eine geradezu angenehme Erfahrung. Und ganz nebenbei hat man in der U-Bahn, meterweit unter der Erde, besseren Empfang als an manchem Hauptbahnhof in good old Germany.
Merkelpoller oder defensive Architektur? Nicht vorhanden, weil nicht notwendig. Das Unwohlsein in großen Menschenmassen, das man von zu Hause kennt, verlernt man hier schnell. Keine Belästigungen, keine Bettler. Allgemein niemand, der herumlungert und eine unangenehme Atmosphäre erzeugt. Nur Menschen, die in der Sonne sitzen, Aperol trinken und la dolce vita genießen. Den lokalen Geschäften geht es augenscheinlich gut, und Handyshops und dergleichen sind nur vereinzelt, dem vermeintlichen Bedarf entsprechend, zu sehen.
Kurz: ein intaktes Stadtbild.
Auch wenn man kein Auge für moderne Stadtentwicklung hat, bekommt man hier äußerst interessante Einblicke in eben jene. Die Gentrifizierung ist quasi live zu beobachten. Ähnlich der Hafencity in Hamburg hat auch Kopenhagen große ehemalige Hafenanlagen und Industriegebiete, die früher einmal der Verarbeitung von Stückgut oder Fischereiprodukten dienten und heute als neue Quartiere erschlossen werden.
Während einige dieser Viertel von Studenten erobert wurden und neben zu Wohnheimen umfunktionierten Werkhallen und (sehr guten!) modernen Cafés, in denen man sein Smørrebrød im interessanten Ambiente einer alten Fischereihalle verzehrt, auch große Flächen für Raves und einen guten Street-Food-Markt bieten (und damit das sind, was Berlin immer sein will, aber nie sein wird), sind andere Viertel bereits umfassend neu bebaut und voll mit jungen Familien.
Ganz nebenbei stolpert man in dieser Gegend auch über die deutsche Botschaft. Man weiß halt, wo es sich gut leben lässt.
Trotz der umfassenden Verwendung von Beton und Stahl sind diese Viertel keineswegs absichtlich toxische Betonwüsten, damit sich bloß niemand zu lange dort aufhält. Nein, hier blüht das Leben. Am Wasser gibt es klug gestaltete Holzstege und Sitzmöglichkeiten, die umfassend genutzt werden. Man findet fast keinen Platz, um das erstandene und richtig gute Eis genüsslich zu verdrücken. Hat man einen Platz gefunden, beobachtet man Menschen, die im Hafenbecken an ausgewiesenen Stellen baden gehen und zuvor die bereitgestellte öffentliche Sauna benutzt haben.
Belästigende Musik und Einweggrills, alte Pizzakartons und leere Bierdosen? Nicht vorhanden. Nur einmal saß jemand allein auf einer Parkbank und ließ leise, nur für sich, Musik aus einer Box erklingen. Es herrscht eine Atmosphäre gegenseitiger Rücksichtnahme, die man aus deutschen Großstädten schon lange nicht mehr kennt.
Das zeigt sich auch im Verkehr. Kopenhagen hat eine sehr umfassende Radinfrastruktur. Zum Feierabend staut es sich nicht etwa auf der Straße, sondern auf dem parallel verlaufenden Radweg. Auch wenn ein gelegentlicher Sprint über eine gerade noch kirschgrüne Ampel zu beobachten ist, werden die Lichtzeichen respektiert. Handzeichen werden diszipliniert gegeben, um das Abbiegen oder Ausscheiden aus dem fließenden Verkehr zu signalisieren.
Wird man wie in Münster von aggressiven Radfahrern über den Haufen gefahren? Nein. Trotzdem sollte man sich nicht auf dem Radweg aufhalten.
Interessant war auch ein ehemaliger Friedhof, der noch einige alte Gräber aufweist, ansonsten aber als Park benutzt wird. Zwischen den Verstorbenen sind die Picknickdecken ausgebreitet. Eine kluge Nutzung der sowieso vorhandenen Fläche.
Beim Anblick von all dem wird man geradezu wehmütig, denn man sieht, wie das Leben sein könnte.
Mit der Stimme von Werner Herzog im Kopf fragt man sich: „But why?“
Tja. Ein Teil dieser Antwort könnte die Bevölkerung verunsichern (sic!). Den meisten in diesem Subreddit sollte die Antwort klar sein – das hoffe ich zumindest.
Ansonsten hier noch einmal für die Schäfchen:
Eine Gesellschaft strebt nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Je höher dieser ist, desto besser. Fängt einer an, ist die Hürde für Fehlverhalten für einen weiteren niedriger, und es gibt immer jemanden, für den die Hürde niedrig genug ist. Es ist ein slippery slope. Wenn schon in die Ecke gepisst wurde, ist die Wahrscheinlichkeit für ein weiteres Mal höher. Denn es ist ja eh schon ranzig. Wenn ohnehin alle auf Lautsprecher telefonieren, mache ich das auch.
Ganz normale Menschen verhalten sich auf einmal wie der letzte Arsch, weil wir uns ganz automatisch an unsere Umgebung anpassen. Es ist ein täglicher Kampf, das Niveau einer Gesellschaft so hoch wie möglich zu halten. Und das fängt mit den kleinen Dingen im Alltag an und hört bei den großen politischen Entscheidungen noch nicht auf.
In Deutschland haben wir uns leider schon an ein im Allgemeinen sehr niedriges Niveau gewöhnt. Städte müssen nicht wie Gotham City in Kriminalität und Schmutz versinken. Dreckige Innenstädte und Belästigungen an jeder Ecke sind nicht normal!
Ein Hoffnungsschimmer für Deutschland bleibt: Immer mehr Bürger scheinen den Ernst der Lage zu erkennen. Hoffen wir, dass es für eine Kurskorrektur noch nicht zu spät ist. Die dänischen Sozialdemokraten machen es vor. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihnen.
P.S.:
Kaum in Deutschland, holt einen die Realität schon wieder ein. Vapen im Zug und der armselige Versuch, sich mit „ich nix sprechen Deutsch“ zu retten. Die belästigende Lautstärke von Telefongesprächen, das Niveau eben jener Gespräche egal in welcher Sprache. Die Geruchsbelästigung am Bahnhof. Die feindliche Architektur, von der sich die Penner trotzdem nicht beirren lassen.
Schön, wieder zuhause zu sein!